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Nach der Illusion der Selbstversorgung – bekannte Grundsätze, neu betrachtet

Diese Hinleitung in die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens habe ich auf der Veranstaltung des Vereins Tribüne e.V. am 29.4.2015 als Impulsvortrag gehalten. Anschließend folgte eine Entgegnung von MdB Nina Scheer (SPD) und eine lebhafte Debatte mit ca. 15 Gästen unter der Moderation von MdL Martin Habersaat (SPD S-H).
 

Nach der Illusion der Selbstversorgung – bekannte Grundsätze, neu betrachtet

Impulsvortrag bei der Veranstaltung der Tribüne e.V. in Glinde am 29.4.2015

Worum es geht: Grundeinkommen, und zwar bedingungslos:

– als individueller Rechtsanspruch (also ohne Haushaltsprinzip);
– ohne finanzielle Bedürftigkeitsprüfung;
– ohne verbindliche Gegenleistung, z.B. durch Arbeit;
– und ausreichend hoch für Existenz und Teilhabe (Vorschläge dazu liegen meist zwischen 850 und 1100 EUR);

Zu Beginn habe ich zwei Botschaften mitgebracht:

Die erste Botschaft:

Das Grundeinkommen wird kommen (ich versuche mir daher den Konjunktiv abzugewöhnen) – jedoch: ich gebe keine Prognose, wann dies sein wird und was bis dahin noch passieren wird, noch, auf welche Weise es eingeführt wird.

Die zweite Botschaft:

Grundeinkommen ist prinzipiell finanzierbar, weil

– die Menge an verfügbaren Produkten und Dienstleistungen bei weitem ausreicht, alle, die hier leben, für ein würdiges Leben zu versorgen,

– und deshalb ohne zusätzliches Geld ein Teil der volkswirtschaftlichen Finanzströme, die diese hohe Produktivität repräsentieren, als Grundeinkommen an alle umgeleitet werden kann.

Konkret gerechnete Modelle gibt es etliche, mit Schwerpunkten auf unterschiedlichen Steuerarten oder Kombinationen davon. Je nach eigener ökonomischer Weltanschauung wird jede und jeder ein passendes Modell finden.

Anspruchsvoll ist nicht die prinzipielle Finanzierbarkeit, sondern der Übergang aus dem jetzigen System in ein System mit Bedingungslosem Grundeinkommen.

Aber, diese Hürden des Übergangs sind überwindbar, sobald der gesellschaftliche Wille dazu stark genug ist – aber auch nur dann!

Eine wesentliche Kraft für eine Wende in Richtung Bedingungsloses Grundeinkommen ist damit verknüpft, dass wir die derzeit noch dominante Illusion der Selbstversorgung überwinden lernen.

Wir sind der Selbstversorgung für unsere materiellen Grundbedürfnisse längst entwachsen und das tendenziell bis zu 100%. Stattdessen leben wir in einer umfassenden materiellen Fremdversorgung bei einer weitgehend fragmentierten Arbeitsteilung. Als Verrechnungs- und Tauschmittel in dieser Arbeitsteilung dient uns das Geld. Aber Geld selbst ist keine reale Versorgung und hat in diesem Sinne auch keinen materiellen Wert. Wird dies bewußt reflektiert, erscheinen einige bekannte Grundsätze und Begriffe unseres Sozial- und Wirtschaftssystems in neuem Licht.

Zunächst ist dies der Begriff der Bedürftigkeit:

In einer Selbstversorgungs-Wirtschaft erscheinen diejenigen als bedürftig, die sich nicht selbst versorgen können. Diese Sichtweise ist an ein vermeintliches Unvermögen oder Schicksal der Betroffenen gekoppelt, während es heute tatsächlich eine gesellschaftliche Entscheidung ist, bestimmte Menschen nach bestimmten Kriterien aus einer finanziellen Sicherheit auszuschließen.

Erkennen wir die bestehende Fremdversorgung an, ist Grund-Bedürftigkeit ein Grundmerkmal aller Menschen in der Wirtschaft. Erkennen wir gleichzeitig das Anrecht auf rechtliche Freiheit und Gleichheit für alle an, dann ist der Schritt zur freien und gleichen Ausstattung aller mit Geld für die Grundbedürfnisse in der arbeitsteiligen Fremdversorgungswirtschaft nur logisch.

Und weiter: Haben wir einmal die Grund-Bedürftigkeit so gestillt, dann wird ein unbefangener Blick möglich: auf die tatsächlichen Bedürftigkeiten, nach Bildung, Gesundheit, sozialer und politischer Teilhabe und nicht zuletzt nach Liebe.

Einerseits sind die in diesem Sinne Bedürftigen nicht nur von der zusätzlichen Last ihrer materiellen Grundbedürftigkeit befreit, auch diejenigen, die diesen Bedürftigen gute Angebote machen möchten, werden nicht mehr davon abgelenkt, zunächst ihre eigene Grundbedürftigkeit sichern zu müssen. So können sich Bedürftigkeit und Fürsorge auf einer sicheren Basis und auf Augenhöhe begegnen.

Dies führt uns zum nächsten Grundsatz: Eigenverantwortung und Subsidiarität

Mit der neu gedachten Bedürftigkeit erhält die Eigenverantwortung eine Aufwertung. Ist die Grund-Bedürftigkeit gestillt, wird die eigene Verantwortung jedes Einzelnen für die Gesellschaft viel sichtbarer. Niemand kann sich mehr dahinter verstecken, dass die Selbstversorgung der materiellen eigenen Bedürftigkeit Vorrang habe. Es besteht unmittelbar eine Handlungs-Vollmacht, gesellschaftliche Probleme selbst, ggf. in Gemeinschaft und in Zusammenarbeit mit sozialstaatlichen Einrichtungen anzupacken.

Je früher so Menschen und Gemeinschaften auf Missstände vor Ort reagieren können, um so weniger müssen übergeordnete Behörden in Anspruch genommen werden. Das ist gelebte Subsidiarität, für jeden leicht spürbar. Ist der Zwang überwunden, erst auf die eigene finanzielle Ausstattung achten zu müssen, schafft dies Spielräume für eine ehrliche Kommunikation über tatsächliche Bedürftigkeiten und die Verantwortung jedes Einzelnen.

Zugleich können wir eher zulassen, dass wir nicht mit der Verweigerung von Geld drohen müssen, um Leistungen zu erhalten.

Damit sind wir beim nächsten Grundsatz: Leistung und Gegenleistung

Derzeit, noch, haben wir häufig die Prämisse: Leistung nur für Gegenleistung, d.h. in Form einer meist

– vertraglich fixierten
– exakt bemessenen
– und sanktionsbehafteten
Gegenleistung.

Dabei kann eine erwartete Gegenleistung auch ganz anders sein:

– vertrauensbasiert,
– großzügig ungenau bemessen,
– und zeitlich unbestimmt,

so wie es die meisten selbstverständlich betrachten, wenn sie Freunden oder Nachbarn beim Umzug helfen (und so übrigens nebenbei einem Umzugsunternehmer eine Erwerbsgelegenheit nehmen) oder wenn sie z.B. in der Freiwilligen Feuerwehr ständig für unsere Sicherheit sorgen.

In diesem Sinne ist das Grundrecht auf Einkommen Ausdruck eines Vertrauens, das vielen von uns tagtäglich – häufig unbewusst – selbstverständlich ist, das aber in einer irrtümlich als Selbstversorgung interpretierten Fremdversorgung als ungerechtfertigt erscheint.

“Wieso soll jemand Geld erhalten, ohne dass eine Gegenleistung gesichert ist?” sagen viele – so oder ähnlich.

Aber wieso soll diese Frage eine größere Berechtigung haben als die umgekehrte, ggf. stille Haltung:

“Wieso soll ich mich für eine Gesellschaft engagieren, die meine materielle Sicherheit nicht garantieren möchte, obwohl sie alle Mittel dazu hat?”

Finden zu viele Menschen darauf keine Antwort, untergräbt dies die Bereitschaft zur Teilhabe und damit unser Gemeinwesen.

Betrachten wir daher abschließend zwei weitere Grundsätze:
Soziale Teilhabe und Gute Arbeit

In der Selbstversorgungs-Logik muss Gute Arbeit gut oder zumindest ausreichend bezahlt sein, um sich aus ihr finanziell versorgen zu können. Alle anderen Merkmale für Gute Arbeit müssen dann dahinter zurücktreten, wenn man keine andere finanzielle Sicherheit hat.

Erkennen wir die Fremdversorgung an, können wir zulassen, dass eine erzielte materielle Wertschöpfung durch unbezahlte Fürsorge- und Gemeinwesenarbeit erst ermöglicht wird. Diese, häufig im Hintergrund stehende Arbeit, muss bereits jetzt über den Preis der Erwerbsarbeit bzw. der Produkte mitfinanziert werden.

Der besondere Wert dieser unbezahlten Arbeit besteht jedoch gerade in ihrer nicht-finanziellen Ausrichtung. Kein Bedürftiger möchte das Objekt einer betriebswirtschaftlichen Effizienzrechnung sein. Um diesen Spielraum zu ermöglichen, muss die finanzielle Sicherheit unabhängig von der Fürsorge gewährt werden. Der unbürokratischste und demokratisch angemessene Weg dafür ist eine pauschale, freie und gleiche Ausschüttung an alle.

Aber entwertet dies nicht die Erwerbsarbeit?

Keineswegs, sondern im Gegenteil: Es befreit sie von einer krampfhaften Überhöhung, die sie letzendlich selbst diskreditiert.

So wie die Gleichberechtigung keine Entwertung von Männern, und gleichberechtigte Straßennutzung für Radfahrer keine Entwertung von Autofahrern bedeutet, so ist auch eine erwerbsunabhängige finanzielle Sicherheit keine Entwertung der Erwerbsarbeit. Vielmehr können dann alle Erwerbstätigen, als Individuen und in organisierter Form, ihre Erwerbsarbeit selbst aufwerten, ohne jederzeit auf die – natürlich weiterhin notwendigen – Gesetze und Behörden angewiesen zu sein. Sie können ihr Recht auf Vertragsfreiheit voll ausschöpfen, weil sie nicht jedem Vertrag aus finanziellen Gründen zustimmen müssen.

Der unbedingte Vorrang der Erwerbsarbeit macht nur Sinn in der Illusion der Selbstversorgung. Haben wir diese gedanklich und praktisch überwunden, können wir Erwerbsarbeit mit den anderen gesellschaftlich gleichermaßen notwendigen Tätigkeiten gleichstellen und frei kombinieren, ohne an sozialer Teilhabe zu verlieren. Im Gegenteil, wird die Vielfalt der Tätigkeiten außerhalb der Erwerbsarbeit endlich als gleichberechtigt anerkannt und daher auch finanziell ermöglicht, wird auch die soziale Teilhabe vielfältiger.

Und jetzt? Warum gibt es dann noch kein Grundeinkommen?

Das Grundeinkommen läuft in Form einer politischen Forderung an die etablierte Politik immer noch weitgehend ins Leere. Solange die Vorstellung der Selbstversorgung das Alltagsbewußtsein der Mehrheit bestimmt, z.B. durch Sprüche wie

“Du musst auf eigenen Füßen stehen” oder

“Mit einem Job bin ich endlich unabhängig” oder

“Nur wer sich nicht selbst versorgen kann, hat Anspruch auf staatliche Hilfe” oder auch

“Als Gründerin eines Geschäfts habe ich mir meine eigene Existenz aufgebaut”

so lange wird keine etablierte Partei und kein etablierter Politiker eine Wende hin zum Grundeinkommen als Priorität ansehen, selbst wenn sie der Idee gegenüber aufgeschlossen sein sollten.

Wir als kleine Bürgerinitativen, deutschland- und inzwischen europaweit aktiv, tragen in kleinen Schritten dazu bei, dass sich eine andere Erkenntnis ganz allmählich verbreiten kann.

Wenn sie eines fernen oder frühen Tages, durch welche Ereignisse und Entwicklungen auch immer, zu einer allgemeinen öffentlichen Erkenntnis wird, erst dann wird es wirklich spannend werden darüber zu streiten, auf welchen Wegen genau ein Grundrecht auf Einkommen eingeführt und finanziert werden sollte.

Diese Weiterentwicklung des brüchig gewordenen, in wesentlichen Teilen paternalistischen Sozialstaates, zu einem emanzipatorischen, sozialen Staat, baut auf der bereits jetzt gelebten Bereitschaft der großen Mehrheit auf, das Gemeinwesen zu tragen. Es ist das zu geringe Vertrauen in diese Bereitschaft, die uns hemmt, unser Potenzial zu einer Kooperation ohne materielle Existenzangst voll auszuschöpfen.

In diesem Sinne ist die Einführung des Bedingunglosen Grundeinkommens keine Maßnahme, die der Gesellschaft von oben verabreicht wird, sondern ein Reifungsprozess, in dem sich die Gesellschaft – und damit alle einzelnen Menschen auch für sich persönlich – auf eine andere ökonomische Logik vorbereiten und in ihre Realisierung hineinwachsen.

Vielen Dank!

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10 Jahre Hartz IV! – ‘Heilsamer Druck’?

Bei “Zehn Jahre Hartz IV” von heilsamem Druck zu sprechen, ist einmal wieder eine Verhöhnung der Schwächsten unserer Gesellschaft. Was wurde den Menschen  mit den Hartz-Gesetzen nicht alles versprochen: Aktivierung der Arbeitslosen, “Florida-Rolf” raus aus der Hängematte, Sprungtuch in eine existenzsichernde Arbeitswelt, eine moderne schlagkräftige Arbeits- und Sozialverwaltung und in bestem deutschen Neusprech wurde der antragsstellende Arbeitslose oder Sozialhilfeempfänger zum “Kunden” befördert, alles verdichtet im Schlagwort vom “Fördern und Fordern”. Die eine Hälfte des Versprechens wurde ohne Zweifel eingehalten: Gefordert wurde und wird ohne Ende, gnadenlos. Ein rigides Sozialstaatsregime hat die “Hängemattenbewohner” fest im (Würge-) Griff und die Angst vor dem sozialen Abstieg diszipliniert all diejenigen, die noch einen Arbeitsplatz haben. Und das Fördern? Da schreibt der Autor ja selbst: “Das Fordern klappt zwar ganz gut, das Fördern dagegen weniger.” Mit den geplanten Rechtsvereinfachungen wird das Fördern zwar noch nicht ganz eingestellt, werden die Ansprüche von König Kunde aber deutlich zurückgeschnitten und das Fordern (noch) einfacher gemacht.

Da war aber noch etwas versprochen worden: Der Abbau der Arbeitslosigkeit. Allerdings, auch hier wird wieder einmal getarnt, getrickst und getäuscht. In Aussicht gestellt war ein Abbau der Arbeitslosigkeit bis in die Nähe einer Friktionsarbeitslosigkeit von 2 bis 3 %, was dann als Vollbeschäftigung gewertet werden sollte. Davon sind wir allerdings immer noch meilenweit entfernt. Selbst die heute als Erfolg verbuchten knapp 3 Millionen Arbeitslose statt gut 5 Millionen im Jahr 2005 sind eher das Ergebnis kreativer Buchführung als effizienter Bemühungen der Arbeitslosigkeitsverwalter. Es heißt ja bekanntlich: Trau keiner Statistik, es sei denn, du hast sie selbst gefälscht. Es ist schon ein besonderes Kabinettstückchen moderner Statistikgestaltung wie ganze Personengruppen aus der offiziellen Arbeitslosenstatistik herausgehalten werden. Stellvertretend seien an dieser Stelle die Arbeitslosen über 58 Jahre genannt oder die, die sich gerade “in Maßnahme” befinden. Im Übrigen ist ein Dauereffekt der Arbeitsplatzvermittlung oft nicht zu erkennen. Man spricht in diesem Zusammenhang schon von Drehtürvermittlung. BILD war am 2.12.14 schon näher dran an der Wahrheit, als sie titelte: “Hartz IV – Die bittere Bilanz! – 4,4 Mio. Arbeitslose, 1,7 Mio. Kinder, 1 Mio. Rentner kriegen Stütze”.

Da stellt sich natürlich die Frage, war der “überbordende” Sozialstaat überhaupt der Grund für die gut 5 Millionen Arbeitslosen. Irgendwie schien das ja auf der Hand zu liegen und wurde oft und fest behauptet. Schließlich wurde doch Sonntag für Sonntag in den “Schwarzen Messen” von Deutschlands Talk-Lady Nr. 1 Sabine Christiansen ex cathedra der Niedergang der sozialen Marktwirtschaft herbeigeredet unter tatkräftiger Beihilfe der “Initiative Neue Soziale Markwirtschaft” der Metallarbeitgeber – Vorsteher heute der damalige Superminister für Arbeit und Wirtschaft Clement (SPD) -, die manches Mal gleich zwei oder drei “Botschafter” in einer Talkshow platzieren konnte. Doch immer, wenn etwas auf der Hand zu liegen scheint, lohnt ein Blick in die Sudelbücher des Experimentalphysikus Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799): “Dinge zu bezweifeln, die ganz ohne weitere Untersuchung jetzt geglaubt werden, das ist die Hauptsache überall.” Könnte es nicht auch Anfang des neuen Jahrhunderts an einer falschen Wirtschaftspolitik gelegen haben? Der schwächelnden Nachfrage mit einer Verstärkung der Angebotspolitik zu begegnen, war ungefähr so richtig, wie eine schwache Glut mit einem Eimer Wasser anzufachen zu versuchen. Den Hintergrund könnte die Einführung des Euro 1999/2002 abgegeben haben, Helmut Kohls Danaergeschenk an Europa. Mit der Einführung des Euro sanken in den neuen Mitgliedsländern die Zinsen und entfachten dort eine konjunkturelle Scheinblüte, verstärkt durch aus Deutschland abwanderndes Kapital, das hier auf Grund der Nachfrageschwäche davon ausging, keine  Gewinn sichernde Heimat mehr zu haben, was einen Rückgang der Investitionen in Deutschland bedeutete mit der Folge steigender Arbeitsplatzverluste.

“Politisch hat Hartz IV das Machtgefüge der Republik verschoben.” Da hat der Autor sicher recht. Die SPD verharrt im Bund seit Jahren im 25%-Turm. Beliebt gemacht hat sich Gerhard Schröder, der Genosse der Bosse, bei den Arbeitgebern und bei der CDU/CSU. Die SPD könne stolz sein auf die Agenda 2010, sagte kürzlich der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall.  Selbst mit der Rente ab 63 und dem Mindestlohn sind offenbar kaum Wähler zurückzugewinnen. Misstrauisch wird der Mindestlohn beäugt. Vielleicht ist es ja eine Mogelpackung. Viele schon bekannt gewordene Umgehungsstrategien der Arbeitgeber deuten bereits darauf hin. Der Mindestlohn ist eh der falsche Weg. Damit werden Arbeitsplätze mit geringer Wertschöpfung vernichtet.  Besser wäre es gewesen, gleich auf ein existenzsicherndes Grundeinkommen umzusteigen. Ein Grundeinkommen würde die intrinsische Arbeitsmotivation und die Verhandlungsmacht des Einzelnen stärken, die Freiheit selbständig etwas zu wagen fördern und die sozialen Sicherungssysteme wirksam entlasten, bzw. wirklich sicherer machen. Diskutiert wird das Grundeinkommen in allen Parteien, am wenigsten leider in der SPD, in der erklärten Partei der sogenannten kleinen Leute, die sehr wahrscheinlich am meisten von einem Grundeinkommen profitieren würden. Angela Merkel lässt es in der Konrad-Adenauer-Stiftung denken, die es unter dem Titel “Solidarisches Bürgergeld” vorgelegt hat. Dass es keine Ausgeburt des sogennanten real existierenden Sozialismus ist, dafür stehen beispielsweise Götz Werner, der Gründer der Drogeriemarktkette “dm”, oder der erzliberale Ökonom Prof. Thomas Straubhaar von der Uni Hamburg. Allerdings hat sich auch die heutige Vorsitzende der Linkspartei Katja Kipping bereits vor Jahren für ein Bedingungsloses Grundeinkommen für jeden Bürger ausgesprochen, was in der Sozialpolitik zu den wenigen animierenden Ideen gehöre, wie jüngst in der FAZ zu lesen war.

“Heilsamer Druck” ist sicher manchmal ganz gut, gut beispielsweise für unsere Flüchtlinge, die in der Schweiz oder Liechtenstein oder Luxemburg ihr sauer verdientes Geld vor dem deutschen Fiscus in Sicherheit gebracht hatten und sich jetzt unter dem heilsamen Druck von Steuer-CDs reihenweise offenbaren. Im vergangenen Jahr haben sich laut der Finanzbehörde in Hamburg 880 Steuerbetrüger selbst angezeigt, um der Strafverfolgung zu entgehen. In den vergangenen 5 Jahren haben sich insgesamt 2.520 Hamburger selbst angezeigt. Sie hatten Kapitalerträge in Höhe von 690 Mill. Euro nicht versteuert. Da stellen sich doch zwei Fragen: Wieso war eine Selbstanzeige eigentlich strafbefreiend, wo doch jeder kleinste Verstoß gegen die Hartz-Gesetze von der Arbeitsagentur auf das Schärfste geahndet wurde und wird? Und wer ist eigentlich “sozial schwach”, der Steuerbetrüger oder der Hartz IV- Empfänger, der sich im dichten Gestrüpp der Hartzgesetze verfangen hat, die (allzu) oft selbst den Mitarbeitern der Arbeitsagenturen ein Rätsel sind. 

Fly away
Uns geht es doch gut!

Wenn man mit Menschen über ein Grundeinkommen debattiert ist das nicht immer einfach. Es gibt schließlich einige, in der Gesellschaft denen es gut geht. Diese Menschen sind nicht oder nur schwierig empfänglich für Ideen, die in erster Linie mit Veränderung assoziiert werden, aber ist das Grundeinkommen überhaupt Veränderung?

Gerade in der Generation derer, die kurz vor der Rente stehen oder gerade in Rente gegangen sind soll es tatsächlich auch im 21. Jahrhundert noch Menschen geben, die ihren Arbeitgeber nie gewechselt haben, in ländlichen Regionen sicher mehr als in einer Weltstadt wie Hamburg. So haben diese Menschen doch erfahren, dass unser System extrem erfolgreich und stabil seit dem Zweiten Weltkrieg Fortschritt, Entwicklung und Wachstum mit sich gebracht hat. In Wirklichkeit müssten sie aber einsehen, dass Fortschritt, Entwicklung und Wachstum nicht Stabilität sondern Veränderung bedeuten. In diesem Sinne war die Soziale Marktwirtschaft eingebettet im weltweiten Kapitalismus sehr erfolgreich und „stabil“ dabei Veränderung im Sinne von Fortschritt, Entwicklung und Wachstum zu erzwingen. 

Wenn es uns doch gut geht, weil wir so erfolgreich in der globalen Wirtschaft agiert haben, warum sollen wir uns denn dann weiterhin zu Veränderung zwingen lassen? Haben wir nicht heute alle diesen Veränderungsstress? Können wir uns in diesem System überhaupt noch weiter so dynamisch entwickeln wie bisher? Können wir überhaupt einmal mit der Entwicklung fertig sein? Ist die Marktwirtschaft im Globalisierungszeitalter überhaupt noch sozial? Sollten wir nicht versuchen, das Erreichte langsam aber nachhaltig abzusichern um auch in den Genuss dessen zu kommen? Macht nicht das jetzige System Veränderungsstress geradezu zu einem Veränderungszwang den wir uns selber auferlegen? Ist dies nicht der Grund für ansteigende psychische Krankheiten? Ist das Risiko des “weiter so” vielleicht doch ganz schön hoch? Ist nicht das Grundeinkommen gar die konservativere Variante, die eben bestätigt, dass es uns gut geht, dass wir mit dem Erreichten zufrieden sein können?

Harald Welzer
hat beschrieben wie wir uns momentan diesem Selbstzwang der Veränderung von Entwicklung, Fortschritt und Wachstum aussetzen, nicht nur kollektiv, sondern jeder ganz individuell. Er nennt es die „Mentale Infrastruktur“ und belegt es hier eindrucksvoll. Man stelle sich ein bedingungsloses Grundeinkommen einmal nicht als sozial- oder wirtschaftspolitische Veränderung vor. Es ist der Versuch der mentalen Infrastruktur der Gesellschaft die nötige Ruhe und Gelassenheit für die Herausforderungen der Zukunft zu vermitteln. In diesem Sinne bedeutet ein Grundeinkommen dann Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit für eine Gesellschaft, die tatsächlich alternativlos mit der Dynamik der Globalisierung umgehen muss ohne dabei verrückt zu werden. Beim Einzelnen kommt dann die psychologische Prävention an, die Zufriedenheit erzeugen kann, den Blick auf das Wesentliche befreit und die vor allem die Symptombehandlung beim Psychiater ersetzt.

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