In diesen Tagen hat Götz Werner 70. Geburtstag. In diesem Zusammenhang ist auch seine Autobiografie „Womit ich nie gerechnet habe“ erschienen. Außerdem hat ihn die Wirtschaftstageszeitung „Handelsblatt“ in ihrer Weihnachtsausgabe 2013 zum „Familienunternehmer des Jahres“ gekürt. Laudator war Dr. med. Alexander Dibelius, seines Zeichens Deutschland-Chef der berüchtigten US-amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs.

Unter der Überschrift „Prediger des Guten“ würdigt Dibelius zunächst Götz Werners unternehmerische Leistung: „Richtiges Gespür für die Marktentwicklung und konsequente Kundenorientierung“. Dibelius spricht vom „Glück des Tüchtigen“ und nennt Götz Werner „eine der großen Gründerpersönlichkeiten der deutschen Wirtschaft“. Werner habe es geschafft, sich selbst mit einer auf den Lehren der Anthroposophie und ihrem positiven Menschenbild basierenden Führungsphilosophie als Marke zu positionieren.

Nach so viel lobenden Worten wird Dr. Dibelius „kritisch“ und lässt doch nur seinen Vorurteilen freien Lauf. Das Unternehmen „dm“ wird zum Einzelfall erklärt und Werners gesellschaftspolitische Visionen des Sozialismus verdächtigt. Er nutze seinen Erfolg (und seine Popularität) auch zur Verbreitung von Ideen, die er (A.D.) im Kontext einer Marktwirtschaft für nicht tragfähig erachte: „Grundeinkommen, das Freiheit schafft“.  Das würde nur funktionieren, wenn man, wie Götz Werner, ein Menschenbild pflege, das davon ausgeht, jeder Mensch arbeite, um über sich hinauszuwachsen, sozial und emotional, nicht nur materiell. Das Grundeinkommen brandmarkt Dibelius als „umfassende staatliche Alimentierung“, ohne zu berücksichtigen, dass heute schon 1 Billion Euro, so Finanzminister Schäuble im Jahr 2010, „umverteilt“ werden, leider kaum zwischen Reich und Arm, sondern  nur im so genannten Mittelstand von der rechten in die linke Tasche. Doch bei so viel Kritik und Unverständnis lohnt es schon, einen Blick auf das so erfolgreiche Leben des Dr. Dibelius zu werfen.

Doch bevor wir uns der Person Alexander Dibelius zuwenden, sollten wir uns einmal das Wesen einer „Investmentbank“ vor Augen führen. Was ist eine Investmentbank? Eine Investmentbank sammelt Geld bei Leuten ein, die gerade viel davon übrig haben und führt es dem „Weltfinanzmarkt“ zu. Der Vergleich mit einem Kasino ist nicht abwegig. Die Eigenkapitalgeber sind Millionäre oder Milliardäre, Ölscheichs  und andere Reiche dieser Welt. Vielfach halten auch die Manager Anteile am Kasino. Kreuzbrave Aktionäre, die schon im 19. Jahrhundert einer der Gründer der Deutschen Bank als dumm und frech charakterisiert hat, wohl eher nicht. Das sogenannte Fremdkapital kommt von den gleichen Leuten und von anderen Unternehmen und Banken, die ihre (kurzfristigen) Liquiditätsüberschüsse dort parken. Der gemeine Kleinanleger kommt allenfalls als Käufer von mehr oder weniger dubiosen Zertifikaten vor.

Diese Gelder werden dann, zumeist hochspekulativ, an den Börsen dieser Welt auf eigene Rechnung (Eigenhandel genannt, der in der EU gerade weitgehend verboten werden soll) in Aktien und Anleihen, in Devisengeschäften und Derivaten oder an den Rohstoffmärkten vermehrt. Die Kunst besteht nun darin, das Eigenkapital möglichst niedrig zu halten, im niedrigen einstelligen Prozentbereich und das entsprechend hohe Fremdkapital zu einem möglichst niedrigen Prozentsatz zu verzinsen. Die dabei entstehenden Überschüsse, vermehrt um erhebliche Spekulationsgewinne und Maklergebühren  aus der gewinnträchtigen Mitwirkung  bei weltweiten Unternehmensfusionen, werden bei Goldman Sachs brav geteilt zwischen ca. 30.000 Mitarbeitern, die wohl anständig bezahlt werden, und den ca. 300 Partnern, die jeder mit unanständigen, durchaus schon mal im zweistelligen Millionenbereich liegenden Jahresgehältern nach Hause gehen. Warum unanständig? Weil sie als  Partner, wie die Croupiers im Kasino, kaum ein Unternehmerrisiko tragen. Den Rest erhalten die Aktionäre. Das Restrisiko wie es oft verniedlichend heißt, wird, wenn eine Bank erst den erstrebenswerten Status „zu groß (too big to fail)“ erreicht hat, vom Staat, von den Steuerzahlern getragen wie bei einer Reihe von  Bankpleiten zu besichtigen war. Da bisher kaum ein Bankmanager für die riesigen Verluste in seinem Verantwortungsbereich rechtlich belangt worden ist, drängt sich der Verdacht auf, dass die Größe einer Bank auch vor Strafverfolgung schützt („too big to jail“). Allenfalls das zumeist lausig niedrige Eigenkapital geht verloren, aber auch das ist nicht immer sicher.

Wer ist nun Dr. med. Alexander Dibelius? Dibelius, Jahrgang 1959, Abitur mit der Traumnote 1,0, studierte Medizin und arbeitete danach als Assistenzarzt im Fach Herzchirurgie. Frustriert von den Routinetätigkeiten seines Berufs stieg er 1987 bei der Unternehmensberatung McKinsey („Die eiskalte Elite“) als Consultant ein und brachte es dort innerhalb kurzer Zeit zum Partner/Teilhaber. 1993 wechselte er zu Goldman Sachs und übernahm dort 1998 den Bereich  Merger & Aquisitions (M&A), was man mit „Firmenfusion“ übersetzen kann, für Deutschland und einige angrenzende Länder, um dann bei vielen Großfusionen als Berater und Vermittler tätig zu sein. Er begleitete u.a. die Fusion von Daimler und Chrysler und die Übernahme von 34 % der Aktien von Mitsubishi Motors durch Daimler/Chrysler. Beide Vorgänge erwiesen sich als Mega-Flops und dürften Daimler unter dem Chef Jürgen Schrempp, einem Großmeister der Kapitalvernichtung, einen zweistelligen Milliardenbetrag gekostet haben. 2007 durfte er dann sogar den Chrysler-Käufer bei der Trennung von Daimler/Chrysler beraten.  Dibelius ist heute alleiniger Deutschland-Chef von Goldman Sachs und gilt als gut vernetzt in Wirtschaft und Politik. Sein zumeist aggressives Auftreten gilt den einen als raffiniert, andere bewerten ihn schon mal als den „schlechtesten deutschen Bankmanager“. Sein Verständnis vom Bankgeschäft ist konsequent (neo-)liberal. Vor Studenten vertrat er 2010 die Ansicht: „Banken …. haben keine Verpflichtung, das Gemeinwohl zu fördern“. 

Sollte Dr. Dibelius nun etwa auch einmal ein Grundeinkommen, bedingungslos, bekommen? Auf den ersten Blick sicher nicht. Sein persönliches Vermögen von etwa 300 Millionen Euro, wie DER SPIEGEL schreibt, dürfte ihn davor bewahren, auf Hartz IV-Niveau abzurutschen, selbst wenn er im „Rosenkrieg“ mit seiner angetrauten Ehefrau die Hälfte davon verlieren sollte, wie ebenfalls zu lesen war. Ja, auch ein Grundeinkommen für Dr. Dibelius! Vielleicht versteht er dann, woher der Reichtum der Nationen und sein persönliches Vermögen kommt: Aus der Bereitschaft von vielen Millionen Menschen, in die Hände zu spucken und das Sozialprodukt zu mehren, Jahr für Jahr, und die zum großen Teil mit Niedriglöhnen abgespeist werden. Seit Anfang der 1980er Jahre ist die Lohnquote am Volkseinkommen ständig gesunken, insgesamt um ca. 10 Prozentpunkte. Seit 1950 sind die Nettolöhne real um 300 % gestiegen, das Sozialprodukt um 700 % und die Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Kapital um 1.150 %.

Diese grundlegenden sozioökonomischen Zusammenhänge waren vermutlich nicht gerade Gegenstand seiner medizinischen Ausbildung. Das bisschen Banktechnik dürfte er sich in Abendkursen und im „Training on the job“ angeeignet haben.  Verantwortung zu tragen, wie Götz Werner in einem eigenen Unternehmen,  für Tausende von Mitarbeitern und für die Gesellschaft, die erst die Voraussetzungen für ein funktionierendes Wirtschaftssystem zur Verfügung stellt, lernt man dabei wohl eher nicht. Und bei einem Institut wie Goldman Sachs – der volkswirtschaftliche Nutzen geht gegen Null – kommt  einem doch der Gedanke von Bert Brecht in den Sinn: Was ist das Berauben einer Bank gegen das Gründen einer Bank? Vielleicht sollte man  Goldman Sachs & Konsorten auf das bewährte 3-6-3-Banking verpflichten: Einlagen mit 3 % verzinsen, Kredite für 6 % ausleihen und ab 3 Uhr Golfspielen. Dr. med. Dibelius sollte sich als Arzt vor der Menschheit bewähren, dafür hat ihn die Gesellschaft  schließlich gut und teuer ausgebildet, nach unten natürlich abgesichert durch ein Grundeinkommen. Goldman Sachs jedenfalls ist so überflüssig wie ein Kropf und ein Bedingungsloses Grundeinkommen so nötig wie die Luft zum Atmen.