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Work harder
Arbeitsethik – eine gewachsene soziale Praxis

Autorin: Katja Ansen

Obwohl bereits jetzt rund 40% der Menschen in Deutschland Transferleistungen beziehen, dominiert die Vorstellung, sich einen Platz in der Gesellschaft verdienen zu müssen. Fest verankert ist die Idee von „seiner eigenen Hände Arbeit“ zu leben. Dass dieses Konzept im Widerspruch zu den tatsächlich gelebten Verhältnissen steht, ändert nichts am Ideal. Trotz Arbeitsplatzverknappung bleibt der Ausspruch populär: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“

Doch woher kommt diese Vorstellung von Arbeit? Naturgegeben ist unser Arbeitsverständnis nicht. Wenn Tiere satt und versorgt sind, machen sie schließlich auch Feierabend. Menschen arbeiten „auch bei mörderischer Hitze und selbst mit vollem Bauch, aus dem doch jeder anständige Affe das Recht auf totale Faulheit abgeleitet“ hätte.1 Das war nicht immer so. In der griechischen Antike war die Vorstellung abwegig, um der Arbeit willen zu arbeiten. Lohnarbeit galt als unfrei und würdelos.

Die ideologische Aufladung der Arbeit ist ein modernes Phänomen. Erst im Zuge der protestantischen Ethik sickerte das Konzept in den Alltag der breiten Masse ein. Bis dahin blieb das asketische Ideal des Bedürfnisaufschubs und der harten Arbeit noch wenigen Mönchen vorbehalten. Der protestantische Moralkodex erhielt seine Durchschlagkraft, weil auch Politik und Philosophie die Idee untermauerten. Demokratisch-liberale Strömungen griffen den neuen Arbeitsbegriff auf, um sich vom Standesdenken zu emanzipieren. Nicht durch Geburtsrechte, sondern durch eigene Arbeitsleistung solle man sich seine Position im Leben erarbeiten. Dieser politische Ansatz wurde von Philosophen wie Hegel oder Kant weiter veredelt. Sie werteten die Arbeit als Mittel zur rechten Lebensführung auf.2

Die aufblühende Industrielandschaft griff die neue Arbeitsmoral dankbar auf. Mit einer Kombination aus moralischem und ökonomischem Druck machten sie aus Bürgern Arbeitskräfte. Da eine Industrie nie fertig ist mit Produzieren, sollten es die Menschen auch nie sein. Entsprechend wurde die Entlohnung derart niedrig angesetzt, dass kontinuierliche Arbeit unvermeidlich wurde. Zugleich nahm die Stigmatisierung und Verfolgung von Armen und Erwerbslosen zu. Bettler wurden verfolgt, Arbeitslager etabliert, Disziplin in Tretmühlen erzwungen.3 Die Standardisierung menschlicher Arbeit wurde im Zuge der Industrialisierung immer weiter perfektioniert, bis der Mensch selbst nur noch ein Rädchen im System war. Aus der Freiheit des Einzelnen wurde die Freiheit für Industrie und Produktionsstätten.

Aber, mag mancher einwenden, steht denn nicht schon in der Bibel „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“? Dieser Ausspruch richtete sich an eine ganz bestimmte Gemeinde in einer besonderen Ausnahmesituation. Ein allgemeiner Grundsatz wurde hier nicht formuliert. Übrigens heißt es im gleichen Abschnitt auch: „Nicht als hätten wir keinen Anspruch auf Unterhalt.“4

Es bleibt festzuhalten, dass unser Verständnis von Arbeit ein gewachsenes Phänomen ist, das auch anders gestaltet werden könnte. Der Blick in andere Kulturen zeigt, dass es auch heutzutage alternative Arbeitsauffassungen gibt. So glaubt der Stamm der Kapauku (Neuguinea) daran, dass es Unglück bringt, an zwei aufeinander folgenden Tagen zu arbeiten. In anderen Gesellschaften gilt es heute noch als fragwürdig, sich von Fremden anstellen zu lassen. Ebenso unterschiedlich ist die Ausgestaltung der Arbeitszeit. Während in den USA 20% der Arbeitszeit mit dem Ausbau und der Pflege von sozialen Kontakten verbracht wird, sind es in Nepal und Indien durchschnittlich 50%.5 Das Problem ist nicht, dass unsere Arbeitsauffassung unabänderlich ist, sondern, dass wir sie dafür halten.


Einen ausführlichen Text von Katja Ansen zur Geschichte der Arbeitsethik und eine dazugehörige PowerPoint-Präsentation finden Sie hier:

Wie kommt die Ethik in die Arbeit (pdf)

Arbeitsethik-PowerPointPräsentation 2010 (pdf)


1 Schneider, Wolf: Glück! Eine etwas andere Gebrauchsanleitung. Reinbek bei Hamburg, 2007. S. 180.

2 Vgl. Koslowski, Peter: „Überarbeitete und Beschäftigungslose. Sinnverlust der Arbeit durch Übergeschäftigkeit und Unterbeschäftigung.“ In: Hoffmann, Hilmar; Kramer, Dieter (Hg.) Arbeit ohne Sinn? Sinn ohne Arbeit. Über die Zukunft der Arbeitsgesellschaft. Weinheim, 1994. S. 120 – 132

3 Vgl. Gronemeyer, Reimer (Hg.): Der faule Neger. Vom weißen Kreuzzug gegen den schwarzen Müßiggang. Reinbek bei Hamburg, 1991

4 2. Brief des Paulus an die Thessalonicher, (Kap. 3.9/3.10). Vgl. auch die Erläuterung von Helgo Klatt.

5 Eylert, Sabine; Bertels, Ursula; Tewes, Ursula (Hg.): Von Arbeit und Menschen. Überraschende Einblicke in das Arbeitsleben fremder Kulturen. Münster, 2000

Schlechte Arbeit
Der Millionendeal: Arbeitsplatz für Anpassung

Autor: Dr. Hans-Jürgen Arlt

Das Leitbild der bezahlten Arbeit ist eine moderne Lebenslüge. Tatsächlich geht es nur um erarbeitete Bezahlung, wie das überragende Interesse an der zeitlichen Befristung und am Lohn der Arbeit zeigt. Hochgehalten wie eine Monstranz wird das verzerrte Leitbild von Leuten, die auf Wahlplakate schreiben „Arbeit, Arbeit, Arbeit“, die Bündnisse für Arbeit schließen, betriebliche und politische, die Transparente durch die Gegend tragen, auf welchen Sprüche stehen wie „Keine Arbeit ist so schlimm wie keine“. Es sind Gläubige, gläubige Anhänger der Arbeitsgesellschaft, die arbeiten werden bis zum letzten Job so wie andere spielen bis zum letzten Cent.

Menschen sind, anders als die Lilien auf dem Feld, tätige Wesen, die ihre Lebensbedingungen selbst zu gestalten versuchen. Deshalb betreiben sie Ackerbau und Viehzucht, deshalb singen und tanzen sie, deshalb erfinden sie Maschinen und entwickeln Computer. Menschliche Aktivitäten streng nach Arbeit oder Nichtarbeit zu sortieren und die Arbeit primär nach wirtschaftlichen Kriterien zu organisieren, hat nichts Natürliches an sich, beides sind gesellschaftliche Prägungen. Die hohen Priester der Arbeitsgesellschaft verwenden einen zweifachen Deutungstrick. Sie tun so, als lebe unsere Gesellschaft alleine von bezahlter Arbeit, und blenden dabei den – gemessen an Arbeitsstunden größeren – Teil unbezahlter (Frauen-) Arbeit aus. Zudem setzen sie die Notwendigkeit und das Bedürfnis aktiv zu sein mit Erwerbstätigkeit gleich und stellen so jeden, der nicht ‚arbeitet ‘, unter den Generalverdacht der Faulheit. Das hat eine Geschichte.

Wer nicht isst, kann nicht arbeiten. Umgekehrt haben feudale Herrschaften über viele Jahrhunderte hinweg bewiesen, dass man sehr gut essen kann ohne zu arbeiten. Genau dagegen ist die Industriegesellschaft angetreten. Schon die Bezeichnung Industriegesellschaft – vom lateinischen industria, der Fleiß – war ein Kampfbegriff gegen den faulen Adel, gegen das ständische Vorrecht auf Konsum ohne Arbeit. Das aufsteigende Bürgertum hat das Arbeiten, das vorher als asozial galt, das Sklaven, Leibeigenen, Knechten und Mägden aufgebürdet wurde, umgewertet und aufgewertet. Bürgerliche Vordenker wie John Locke und Adam Smith erkoren die Arbeit zum Schöpfer des Eigentums und des Reichtums und brachten sie damit gegen den feudalen Adel in Stellung. „Arbeit macht das Leben süß… der nur hat Bekümmerniß, der die Arbeit haßt“, dichtete 1777 der Wahlberliner Gottlob Wilhelm Burmann.

Die Arbeiterbewegung spielte mit und übernahm später mit den „Helden der Arbeit“ sogar die Führung. Das Gothaer Programm der SAP – heute die Abkürzung für „Systemanalyse und Programmentwicklung“, damals für „Sozialistische Arbeiterpartei“ – feierte 1875 die Arbeit als „Quelle allen Reichtums und aller Kultur“. Die Hymne der Arbeiterbewegung, „Die Internationale“, stimmte aus voller Brust an: „Die Müßiggänger schiebt beiseite! Diese Welt muss unser sein.“ August Bebel, einem der sozialdemokratischen Gründerväter, erschien es ganz natürlich zu erklären, der Sozialismus stimme mit der Bibel darin überein, wer nicht arbeite, solle nicht essen.
Der Mensch hat, jedenfalls als Mann, einer bezahlten Arbeit nachzugehen, darin sind sich die Klassenfeinde von gestern einig. Die Sozialpartner von heute auch. Der Schaeffler-Huber ist in Österreich eine Wirtschaft am Pfarrberg, in Deutschland eine Seilschaft am Schuldenberg. Was verbindet den IG Metall Vorsitzenden mit Maria-Elisabeth Schaeffler? „Wir glauben“, sagte die Milliardärin, „dass die notwendigen politischen Entscheidungen leichter fallen, wenn Gesellschafter und Gewerkschaft an einem Strang zum Erhalt der Arbeitsplätze des Unternehmensverbundes Schaeffler-Conti ziehen.“ Der Arbeitsplatz als Joker des Arbeitgebers sticht immer, allerdings unter wechselnden Vorzeichen: Werden Arbeitsplätze garantiert, freuen sich Politik und Gewerkschaft, werden Arbeitsplätze eingespart, steigen die Zuversicht der Investoren und der Börsenkurs.

Nicht am Anfang, da war die Proletarisierung, aber später – mit dem Erstarken der Gewerkschaften und des Genossenschaftswesens, mit der Verankerung des Sozialstaates und der politischen Demokratie – wurde die Erwerbsarbeit als Fortschritt erlebt und die Arbeitsgesellschaft ihres Wachstums und Wohlstands wegen gefeiert. Drei vorher nie gekannte gesellschaftliche Strukturmerkmale entwickelten sich zur Selbstverständlichkeit: Erstens bildet die wirtschaftlich organisierte – deswegen produktivitätsorientierte, rationalisierte und technisierte – Arbeit den Ausgangspunkt für die historisch unvergleichliche Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft. Zweitens geht ohne Geld nichts mehr. Je konsequenter und exklusiver das Kriterium der Wirtschaftlichkeit durchschlägt, desto feingliedriger und globaler wird die Arbeitsteilung, desto dominanter das Geld. Von der Schuhsohle bis zum Scheitel, von der gekauften Wiege bis zur bezahlten Bahre sind wir abhängig von anderer Menschen Arbeit, deren Erzeugnisse und Leistungen wir für cash oder auf Kredit erwerben. Wie die Politik im Staat so bekommt die Wirtschaft in der Bank ihr Nervenzentrum. Die Wirkungen eines größeren Störfalls erleben wir gerade. Drittens schließlich wird die individuelle Erwerbstätigkeit, Karriere potentiell inbegriffen, zur Basis der sozialen Existenz, der gesellschaftlichen Anerkennung, sogar der Selbstverwirklichung.

Aus den Widersprüchlichkeiten dieser Anforderungen an die Erwerbsarbeit entstehen Konflikte wie Mücken im Moor. In der Reizfarbe Rot wird über Löhne und Arbeitszeiten, über Leistungen und Lasten des Sozialsystems, über Bildungs- und Aufstiegschancen gestritten; in der Reizfarbe Grün über die Destruktivkraft der Arbeit – keine Herstellung ohne Zerstörung – und über die externalisierten Umweltkosten wirtschaftlich organisierter Tätigkeiten. Tabuisiert bleibt der Knackpunkt, dass die direkte Kopplung von individueller Erwerbsarbeit und sozialer Existenz zur Falle geworden ist.

Wenn ohne Geld nichts geht und Bezahlung für die meisten Menschen strikt an Erwerbsarbeit gebunden ist, dann wird der Arbeitsplatz zur Schlüsselstelle, dann ist sozial, was Arbeit schafft. „Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz“ fehlt in keiner Gewerkschaftsrede. Hängen die Arbeitsplätze von der Wirtschaftlichkeit der Arbeit ab, schnappt die Falle zu, jetzt muss man für und gegen Arbeitsplätze, für gute und für billige Arbeit zugleich sein. Denn bezogen auf das einzelne Unternehmen führt die Abschaffung der einen zur zeitweisen Bestandssicherung der anderen Arbeitsplätze. Und für die Arbeitskräfte wird ‚gute Arbeit‘ zum Risiko, sofern sie teure Arbeit ist. Aus diesen Zwickmühlen entspringt der Doppelcharakter der Gewerkschaft als Sozialpartner und Konfliktgegner, mit dem die Öffentlichkeit bis heute nicht zurecht kommt und die Gewerkschaft selbst auch nicht. Diese Falle verursacht den alltäglichen millionenfachen Deal Arbeitsplatz für Anpassung. Was Frauen und Männer sich zumuten lassen an Rücksichtslosigkeit und Willkür, was sie sich auferlegen an Stillhalten, Wohlverhalten und Abnicken steht in einem direkten Zusammenhang mit der Notwendigkeit, den Arbeitsplatz zu behalten, einen besseren zu finden oder überhaupt einen zu bekommen. Diese Falle ist verantwortlich für das Gefühl, man könnte nur (über)leben, solange man nicht so lebt, wie man leben möchte.

Kapitalverwerter und Arbeitskraftbeschützer sind gefangen in den Wiederholungszwängen ihres bald zweihundertjährigen Verstriktseins. Dem Entscheidungskriterium der einen, „mehr Geld“, setzten die anderen „mehr Arbeit“ entgegen – jener Wahnsinn provoziert diesen Unsinn. Beiden entgeht der Auflösungsprozess der Arbeitsgesellschaft, der im Scheitern des – als Beschäftigungsgesellschaft organisierten – Sozialismus einen Meilenstein gesetzt hat. Zu den aktuellen Indizien dieses Auflösungsprozesses gehören sowohl das Ausmaß an Verwahrlosung, sozialer Not und Unsicherheit, verursacht durch den Mangel an Erwerbsarbeit und deren teilweise Entwertung; als auch die Gesundheitsrisiken und Umweltgefahren der Erwerbsarbeit selbst und vieler Produkte, die sie hervorbringt. Das alles erscheint als das kleinere Übel, solange soziale Existenz und Erwerbstätigkeit individuell gekoppelt bleiben.

Ein garantiertes Grundeinkommen könnte aus dieser Zwangslage befreien. Die Idee ist, die Bezahlung von der individuellen Arbeit – nicht von der gesellschaftlichen, das Geld muss ja irgendwo her kommen – so weit zu trennen, dass ein Auskommen auch ohne Erwerbstätigkeit garantiert ist. Auf diese Weise würde auch solche Arbeit honoriert, welche wie die Hausarbeit heute von der Bezahlung abgetrennt ist. Das Grundeinkommen würde es den Einzelnen leichter machen, das Wichtige und das Richtige zu tun (und sich die Zeit zu nehmen darüber zu streiten) – nicht mehr wie heute das Bezahlte oder wie gestern das herrschaftlich Bestimmte. Veränderung müsste nicht mehr als blindes Wachstum, sie könnte als qualitative Entwicklung angelegt sein.

Herr Hättich und Frau Wolltich bekämen eine Chance – nicht länger im Konjunktiv, sondern tatsächlich: Niemand hätte mehr das Alibi, nur des Geldes wegen das Falsche zu tun. Aus der Perspektive der Arbeitsgesellschaft endet das alles ‚natürlich’ im Nichtstun, weil sie sich Tätigkeit nur als Erwerbstätigkeit vorstellen kann. Die Alternativen, die aus einer bestimmten Position denkbar sind – vor allem die undenkbaren – verraten viel über die Begrenztheit dieser Position. Das trifft gewiss auch auf die Parteinahme für ein garantiertes Grundeinkommen zu. Es ist keine Heilsbotschaft, es birgt Risiken, seine politische Akzeptanz und seine Umsetzung machen eine Menge Arbeit. Aber, fragt der Schweizer Schriftsteller Kurt Marti, „wo kämen wir hin, wenn alle sagten: ‚wo kämen wir hin?’ und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.“

Dr. Hans-Jürgen Arlt lebt als Publizist und Kommunikationswissenschaftler in Berlin. Vorher war er zehn Jahre lang Kommunikationschef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).
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Selbstbildnis
Raumschiff Grundeinkommen

Autor: Christoph Schlee

Raumschiff Grundeinkommen – eine Basis für Talente

1. Mit dem Grundeinkommen betreten wir alle gemeinsam Neuland. Doch zunächst einmal nur in Gedanken und in der Minderheit. Denn der brave Bürger zögert, sich uns anzuschließen. Er tappt nicht gern im Dunkeln und sperrt sich gegen den Spaziergang ohne Wegmarkierung. Doch seien wir ehrlich: auch wir sind ziemlich ahnungslos, wie unsere Welt aussähe, wenn jeder Bürger Bürgergeld bekäme – ohne Schikane und Sanktionen, einfach so. Und weil das keiner wirklich weiß, bei aller Lust zum Fabulieren, brauchen wir noch Helfer, die den Nebel lichten.

2. Die schlimmste Sünde in unserer auf Bienenfleiß gebauten Ordnung ist die Faulheit. Auch wenn die Technik uns immer mehr Arbeit abnimmt, dürfen wir das noch lange nicht selbst tun. Wo Blutsbande und Herkunft nicht mehr gelten, bestimmt der Fleiß den Platz im Himmelreich. Erwerbsstreben ist heilige Pflicht. Das erscheint uns heute wie eine Philosophie für Kinder – doch mit der müssen wir rechnen. Wer meint, dass Zitate von Paul Lafargue oder ein provokantes „Recht auf Faulheit” gute Gegengifte sind, hat sich verrechnet. So gut es ist, Recht zu haben, weit besser ist es, Recht zu bekommen! Das kriegen wir nur, wenn wir uns einlassen auf den Kindskopf – samt Ethikführerschein.

3. Ein solcher (mit Diplom) ist Arbeitspsychologe Beelmann (Psychologie heute, März 2008). Er berät Arbeitslose und glaubt zu wissen, dass jene „die auf dem Arbeitsmarkt ohnehin schwer zu vermitteln sind, zu Hause bleiben würden.“ Wer resigniert hat, würde auch „mit einem Grundeinkommen sicher nicht mehr arbeiten.“ Was der Volksmund „faul“ nennt, sind für den Psychologen die Frustrierten. Sehen wir mal davon ab, Beelmanns Argumente aus seinen wirtschaftlichen Interessen abzuleiten. Festzuhalten bleibt: für ihn ist das Grundeinkommen ein Raumschiff, das in der Jetztzeit landet. Man nehme eine Prise Grundeinkommen und werfe es in die Alltagssuppe. Wer die schon nicht löffeln will, tut es auch nicht mit Gewürz. Gib dem Bettler keinen Pfennig, er versäuft es. Die innere Logik des Psychologen wie des braven Bürgers: „Alles bleibt gleich, weil ich gleich bleiben will.“

4. Landet das Raumschiff Grundeinkommen in einer Vorstellungswelt, erleben wir häufig das intuitive „yes“ oder „no“. Die Würfel sind bereits gefallen, die Entscheidung zum Bürgergeld findet oft bereits im vor-argumentativen Raum statt. Es bekommt da freundliche Aufnahme, wo Lust auf Veränderung herrscht. Doch wem das Jetzt genügt, der erwartet im Raumschiff glibberige, grüne Männchen (faul, gefräßig, arbeitscheu), die Chaos wie Zerstörung bringen, und unsere Arbeitsmoral zersetzen. Und verbietet die Landeerlaubnis! Doch was folgt daraus? Die Vision Bürgergeld reicht nicht aus – braucht eine Brücke. Gerade den Bienenfleißigen fehlt die Gewähr, dass ihre Mühe nicht umsonst ist und die Vision, dass für den Eifer neue Ziele existieren – die mit dem Bürgergeld allein noch nicht beschrieben sind.

5. Was fällt uns bisher dazu ein, wenn brave Bürger Faulheit, Drückeberger wittern – ein jeder Mensch ist (an sich) gut? Wie funktionieren dann die Horrorstreifen? – Die heldenhafte Hilfe bei der Oderflut? Doch Fluten spülen allenfalls Politiker nach oben, und nicht das Grundeinkommen. Trotz Klimawandel herrscht bald wieder Ebbe. Ein jeder äugt, wie der Nachbar werkelt oder in der Sonne liegt – was den braven Bürger bestätigt: es gibt die Faulen und die Fleißigen – das war so und das wird so sein! Anthropologie hilft wenig, wenn er vor uns steht: der Mensch mit seinen Lebensregeln.

6. Das „Raumschiff Grundeinkommen“ bricht ein Tabu. Wie Wolfgang Engler sagt: es ist „keineswegs selbstverständlich, das derjenige, der arbeitet für die zahlen soll, die nicht arbeiten“. Das Recht, zur Arbeit „nein“ zu sagen dürfte in unserer Arbeitsgesellschaft ähnlich anzusiedeln sein wie die Beleidigung des Propheten im Islam oder die Promiskuität im Puritanismus. Auch der (gern von Götz Werner benutzte) Verweis auf die Produktivitätsentwicklung („eigentlich“ bräuchten wir nicht mehr so sehr Erwerbs-Arbeitsgesellschaft zu sein, die Maschinen sind ja für uns fleißig), ist theoretisch richtig, verwechselt aber objektive Verhältnisse mit dem Bewusstseinsstand. Selbst wenn deutsche Autos nur noch in China gebaut und alle dm-Produkte online in Südafrika bestellt würden: die Arbeitsethik würde nicht verschwinden. Wir halten an ihr fest, bis unser Seelchen neuen Grund hat, vor Anker zu gehen. Doch wer will so lange warten? – Also lassen wir uns was einfallen!

7. Wer sind die Gegenspieler? Eben nicht die in den Intellektuellen-Kreisen, mit denen wir so gerne streiten. Nicht jene Freunde, die phlegmatisch zögern, und lieber über Lyrik diskutieren, nach diesem zähen Lehrerjob. Nicht dieser kämpfende Genosse, der den totalen Umsturz will, und jeden kleinen Schritt gedanklich kunstvoll widerlegt. Auch nicht die Grüne aus der Kirchengruppe, die unten gerne unten hätte (und sich ans Chaos der WG erinnert). Sie alle sind schon unterwegs, doch dann die Reifenpanne, das zu viel an Erinnerung im Gepäck. Als Kinder oder Nachbarn braver Bürger, unseres einzig echten Gegenspielers! Der traut dem Braten nicht, wenn wir am ersten sagen: „Es ist Zahltag – ob Sie zur Arbeit kommen oder nicht“ (unsere linken Freunde hielten einfach nur die Hand auf – doch der brave Bürger fragt: „Was kriegen Sie dafür von mir?“ Weil er nun mal so denkt).

8. Was hält der brave Bürger von dem Bürgergeld? Den Faulen diszipliniert es nicht, dem Armen gönnt er’s nicht, den Reichen neidet er’s und glaubt dazu, dass niemand (außer ihm) sich dann noch müht. Ganz sicher aber schwere Arbeit keinen findet, der sie tut (auch besser bezahlt). Wie helfen wir nun unserem Freund, und zugleich unserer Sache, wenn Raffinesse, Zahlen, harte Fakten (der Typ misstraut!) uns hier nicht weiterhelfen? Weil Arbeit (schlau, Gert Beelmann) „nicht nur materielle Bedürfnisse erfüllt, sondern auch psychosoziale.“ So ist es, doch das ist noch nicht das letzte Wort.

9. „Wer etwas will, sucht Wege, wer etwas nicht will, sucht Gründe“ ist einer der gern gewählten Sätze von Götz Werner. Darum reicht es nicht, sich mit großem Aufwand diesen Gründen zuzuwenden, ohne sich zu fragen, warum denn nicht gewollt wird. Wer etwas will, hat ein Ziel vor Augen. Doch dieses Ziel ist nicht das Grundeinkommen selbst. Seine Faszination resultiert aus dem „Individualtraum“ und der Gesellschaftsutopie dahinter. Erstreben wir ein „Einkommen für alle“, sollten wir darüber reden, wie wir leben und die Gesellschaft gestalten wollen.

10. Zum Beispiel so: Denjenigen, die gern fleißig sein wollen, können wir die Idee der „lernenden Gesellschaft“ schmackhaft machen. In ihr werden die Menschen zu „Unternehmern ihrer eigenen besten Potentiale“. Diese Formulierung stammt aus Peter Spiegels Buch „Eine humane Weltwirtschaft“, in dem er erläutert, wie eine Gesellschaft der „Lebensunternehmer“ gestaltet werden kann. Spiegel fordert neben dem Grundeinkommen eine Art Bildungsgarantie, die jedem Bürger mit auf den Weg zu geben ist. Dabei wird Bildung nicht als Sammlung von Wissen, sondern im Sinne einer tiefen, ganz praktisch erfolgenden Persönlichkeitsbildung verstanden. Diese neue Art von Bildung stellt so manches vom Kopf auf die Füße – und passt doch gut in die überall beschworene Wissensgesellschaft, die eine Revolutionierung unseres Bildungswesens nötig macht.

11. Vom Großunternehmer bis zum Kleinbürger gibt es in dieser Frage eine große Koalition: Bildung und Kultur haben Konjunktur. Wer beim Bürgergeld zögert, ist auf diesem Feld zu gewinnen. Gerade der Skeptiker, der bei einer materiellen Basisgarantie nach dem „Wozu“ und dem „Was folgt“ fragt, wird zu gewinnen sein, wenn es gelingt, die monetäre und die kulturelle Garantie logisch zu verknüpfen. Dabei soll Bildung nicht Vorbedingung für das Grundeinkommen sein (z. B. dass es das bGE erst mit dem Schulabschluss gibt, wie Wolfgang Engler vorschlägt). Materielle und geistige Voraussetzungen sollten deutlich werden als Geschwisterpaar, bei dem die eine nicht ohne die andere leben kann. Die Bildungsgarantie für alle, die Förderung der Persönlichkeit, die Förderung der individuellen Potentiale – haben schon heute eine Mehrheit hinter sich.

12. Noch mal ganz kurz: Der Gegenspieler unseres Grundeinkommens ist weder neoliberal noch altmarxistisch. Er wurzelt in der Mitte der Gesellschaft. Ein gutes Stück auch in uns selbst. Für ihn benötigen wir weder Luftschloss noch Datensammlung. Und, linke Freunde, Robin Hoods Maximen helfen nicht wirklich – zu viele, die schon haben, werden zögern. Begreifen wir das Bürgergeld nur als Sozialidee, verschenken wir das Hauptmoment der Überzeugungskraft. Koppeln wir die Basisgarantie an einen echten Bildungsauftrag, verbinden wir beide mit der Vision einer emanzipatorischen, unternehmerischen und freiheitlichen Bürgergesellschaft! Wenn für ihn in diesem Paket genügend drin ist, kriegen wir ihn in unser Boot – den braven Bürger.

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