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Schlechte Arbeit
Grundeinkommen – Utopie? Ja, aber konkrete Realutopie!

Offener Brief an den Bundesvorstand von VERDI

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ihrem Pamphlet in WIRTSCHAFTSPOLITIK aktuell 1, 2018 (Faltblatt: „Grundeinkommen – Utopie“) ist entschieden zu widersprechen. Ich gehe dabei im Folgenden auf alle in dem Text angeführten Argumente kurz ein. :

Wer den kompletten Text des Pamphlets inkl. beigefügter Karikatur ansehen möchte, klicke auf den folgenden Link: http://bit.ly/2GhB2pk

Als Verfasser (oder Auftraggeber?) des Pamphlets unter-streichen Sie vom VERDI-Vorstand ihren Anspruch auf wirtschaftspolitische Kompetenz (siehe Label „WIRTSCHAFTS-POLITIK aktuell“, unter dem Sie publizieren). Aber sind Sie wirklich selber von Ihrer Botschaft überzeugt? Oder betreiben Sie lediglich auf dem Rücken Ihrer Leser ein demagogisches Spiel, indem sie wider besseres Wissen das Grundeinkommen als eine Nullsummen-Rechnung darstellen, bei der den Menschen Geld in die eine Tasche hinein- und aus der andern wieder herausgezogen wird !  Ökonomisch kompetente Menschen sollten jedenfalls eigentlich wissen, dass eine regelmäßige monatliche Zuwendung an alle Bürgerinnen und Bürger eines Landes, die Existenz und gesellschaftliche Teilhabe sichert, Kaufkraft und finanzielle Spielräume schafft. Sie wäre insofern ökonomisch etwas grundlegend Anderes, als eine am Existenzminimum orientierte und an Bedürftigkeitsprüfungen geknüpfte Sozialhilfe im Sinne von Hartz IV, einem System, das Sie ja selber kriti-sieren. Tatsächlich würde, im Gegensatz zu Hartz IV – und zwar auch zu einem sanktionsfreien Hartz IV -, nur ein BGE die Chance für wachsendes Vertrauen der Menschen in die Zukunft garantieren. Nur ein BGE böte diesen entscheidenden, keineswegs nur psychologischen, sondern auch ökonomischen Vorteil der Zukunftsorientierung und -fähigkeit. Entgegen Ihrer Annahme würde ein Grundeinkommen auch keineswegs zu einem Verzicht auf Erwerbsarbeit verleiten. Alles deutet vielmehr darauf hin, dass die Menschen ein BGE nutzen würden, um ihre künftigen Tätigkeiten verantwortlich und selbstbestimmt zu gestalten. Die Folge wären: Größere Jobzufriedenheit, mehr Start-Up-Unternehmen,  Bildungsinvestitionen und Einsparungen im Pflegebereich, aber auch Stressabbau, weniger Depres-sionen und Burn-Outs. Ein Grundeinkommen wäre also keines-wegs ein Null-Summenspiel auf Kosten der Mehrzahl der Beschäftigten, sondern im Gegenteil, eine Zukunftsinvestition zu ihrem Vorteil !

Nun, Punkt für Punkt, zum Text Ihres Pamphlets und den einzelnen Argumenten darin: 

Ihre Behauptung: 

(1)  Eine Alternative zur Erwerbsarbeit könnte es nur für Einzelne sein auf Kosten anderer. Denn alle käuflichen Güter und Dienstleistungen werden durch Erwerbsarbeit produziert. 

Gegenargument: 

(1)  Dieses Argument geht zunächst einmal von der völlig falschen Voraussetzung aus, dass ein Grundeinkommen überhaupt als „Alternative zur Erwerbsarbeit“ zu verstehen sei. Wir haben ja gerade einleitend dargelegt, dass ein Grundeinkommen im Gegenteil erst dafür sorgt, dass Menschen sich eine ihnen gemäße Erwerbsarbeit suchen können, die sie dann auch in dem für sie angemessenen Umfang wahrnehmen würden.

Der Umstand, dass alle käuflichen Güter und Dienstleistungen durch Erwerbsarbeit produziert werden, ist für sich genommen eine Binsenweisheit, die freilich von einem Grundeinkommen in keiner Weise tangiert wird, somit auch keine Erklärung für Ihre These liefert, ein BGE sei eine Alternative nur für einzelne auf Kosten anderer. Diese irrige Behauptung muss deshalb korrekt folgendermaßen umformuliert werden: Das BGE ist eine Alternative für sehr viele Einzelne, auf Kosten nur weniger Anderer, die ohnehin mehr als genug haben.

Ihre Behauptung: 

(2) Denn selbst bei höheren Steuern der Reichen und Unternehmen müssten überwiegend die Beschäftigten das Geld für ein BGE aufbringen. Die durchschnittliche Abgabenbelastung der Einkommen müsste mehr als verdoppelt werden – ab dem ersten Euro. Es wären flächendeckend enorm verschärfte Kontrollen nötig.

Gegenargument: (2). Die Behauptung, überwiegend die Beschäftigten müssten das Geld für ein BGE aufbringen, ist schlicht falsch. Richtig ist: Für die angemessene Finanzierung eines BGE müssten via Steuersystem auch Erwerbstätige  a b   e i n e m   b e s t i m m t e n   E i n k o m m e n s n i v e a u  mit herangezogen werden. Das exakte Niveau hinge dabei sowohl von der Höhe des BGE, als auch von dem gewählten Finanzie-rungsmix aus unterschiedlichen Steuerarten ab. Diese offene Frage verlangt ggf. eine politische Entscheidung, die im Rahmen demokratischer Entscheidungsprozesse zu treffen sein wird. Aufgrund künftig zu erwartender erheblicher Produktivitäts-gewinne kann aber keine Rede davon sein, dass es sich dabei um eine unzumutbare Umverteilung handelt, zumal ja auch Nettozahler im Rahmen der Finanzierung eines BGE im Gegen-zug ihr Grundeinkommen bekämen. Für Ihre Behauptungen, die durchschnittliche Abgabenbelastung müsse mehr als verdop-pelt und die Kontrollen müssten enorm verschärft wer-den, bleiben Sie leider jeden Beleg schuldig. Es wird nicht einmal auf ein relevantes Finanzierungsmodell Bezug genom-men, anhand dessen solche Behauptungen überhaupt erst überprüft werden könnten. 

Ihre Behauptung: 

(3) Ein BGE würde als allgemeine Lohnsubvention massiven Druck auf die Arbeitseinkommen ausüben. 

Gegenargument: 

(3) Diese schon lange und – trotz längst erfolgter Entkräftung – immer wieder von Gewerkschaftsseite vorgetragene Behauptung ist entschieden zurückzuweisen. Sie steht ja im Widerspruch zu der sehr viel besser begründeten, quasi umgekehrten Erwartung, dass die Erwerbstätigen das Grundeinkommen nutzen werden, um zu niedrige Lohnangebote abzulehnen. Wie bitte sollen die Arbeitgeber denn noch einseitig Löhne und Gehälter kürzen, wenn die Arbeitnehmer nicht mehr mitspielen? Tatsächlich könnten sie, dank Grundeinkommen, erstmals auf Augenhöhe mit den Arbeitgebern über einen angemessenen Lohn verhan-deln, eine Perspektive, über die Sie sich als Gewerkschaft eigentlich freuen sollten, wenn Sie denn den originären gewerk-schaftlichen Anspruch ernst nehmen, dass es im Wesentlichen um eine effektive Interessenvertretung der Erwerbstätigen geht. Oder sollten Sie etwa schlicht die Sorge haben, dass Ihnen als Funktionäre in gewohnter Rolle die Felle davonschwimmen?! Dass Menschen mit einem Grundeinkommen ihre Arbeitszeit ggf. von sich aus reduzieren werden, stellt ja Erwerbsarbeit nicht an sich in Frage, kommt vielmehr dem Umstand entgegen, dass aufgrund der technologischen Entwicklung ohnehin Erwerbs-arbeitsplätze massiv verloren gehen werden. Zwei parallele Entwicklungen (Jobverluste und Arbeitszeitverkürzungen) würden  sich so durchaus konstruktiv ergänzen können. 

Ihre Behauptung als Schlussfolgerung: 

(4) Die BGE-Idee ist unrealistisch, birgt große Risiken und lenkt ab von den Kämpfen, die sich wirklich lohnen 

Angesichts der dargelegten Argumente kann die Schlussfolgerung jedoch nur lauten:

Das BGE ist eine ebenso realistische wie konkrete Utopie, geeignet, die Menschen vom Risiko prekärer Jobs zu befreien und ihre ganze Lebensenergie auf sich wirklich lohnende Ziele und Aufgaben zu lenken. 

 Anmerkung: Das Mitglied des VERDI-Bundesvorstands, Ralf Krämer, hat darauf hingewiesen, dass es unter folgendem Link umfänglichere und differenziertere Aussagen von VERDI zur Thematik des BGE gebe: https://wipo.verdi.de/publikationen/++co++ab29a9ba-db39-11e7-ade4-525400940f89 
Uns vom Hamburger Netzwerk Grundeinkommen haben diese Aussagen nicht überzeugt. Sie ändern unsere Stellungnahme nicht. 

Gemeinsam stark
Grundeinkommen bei Vollbeschäftigung?

Autorin: Christine Ax

Ob es uns gefällt oder nicht: Wer das Grundeinkommen möchte, muss ich auch mit der Entwicklung der Arbeitsmärkte beschäftigen.
Warum? Viel zu sehr beruht die Argumentation der Freunde des Grundeinkommens auf der Annahme, dass wir dauerhaft keine Vollbeschäftigung haben werden. Vor gar nicht allzu langer Zeit hätte ich diese These unterstrichen. Inzwischen bin ich skeptisch. Denn die Wahrscheinlichkeit wächst, dass wir zumindest in Deutschland in Zukunft einen Fachkräftemangel haben werden und wohl auch sinkende Arbeitslosenzahlen – die Betonung liegt auf FACHKRÄFTEN. Immer mehr Unternehmen stellen ältere Menschen ein, begeben sich auf den Pfad der Integration, und die Bildungsanstrengungen wachsen.
 
Ein weiterer Aspekt macht mich nachdenklich: Steigende Energie- und Rohstoffpreise sorgen in Verbindung mit Rahmenbedingungen, die Niedriglöhne zulassen (fehlendes Mindesteinkommen) dazu, dass die Wettbewerbsfähigkeit des Faktors Arbeit steigen wird und Energie und Rohstoffknappheiten substituiert. Die Rahmenbedingungen verschieben sich in Richtung „mehr Nachfrage nach menschlicher Arbeit“. Ganz zentral ist in diesem Zusammenhang die Frage: „Wie bezahlt?“.

Für mich heißt das: Wir müssen in Sachen Grundeinkommen und seine politische Durchsetzbarkeit differenzierter argumentieren. Und bevor sich jetzt irgendwelche Leute den falschen Gegner suchen: Ich argumentiere nicht gegen das Grundeinkommen. Wohl aber für eine andere Argumentation für das Grundeinkommen bzw. für eine andere Argumentation gegenüber den Gegnern des Grundeinkommens.
 
Spannend finde ich, dass Althaus in Sachen BGE am Ball bleibt. Was mir an dem Althaus-Vorschlag gefällt, ist: Die Forderung nach dem Grundeinkommen in Gestalt eines Bürgergeldes beruht auf der Idee einer großen Sozialstaatsreform und der damit verbundenen VEREINFACHUNG. Mit der Betonung dieses Aspektes kann das BGE viele neue Freunde finden. Was die Höhe angeht: In Verbindung mit Wohnkostenzuschüssen ist es der Anfang vom Ausstieg aus der „Arbeitszwanggesellschaft“. Althaus und seine Freunde argumentieren mit monetären Anreizsystemen, was marktkonform ist. (Die Regierungspolitik in Sachen Hartz IV ist in diesem Punkt nicht konsistent: Würde die CDU tatsächlich annehmen, dass Geld ein Anreiz ist erwerbstätig zu werden, dann wären die Zuverdienstmöglichkeiten anders geregelt.) Aber auch an dieser Stelle ist die Frage nach Mindestlohn ein Schlüssel um die Rolltreppe nach unten zu stoppen. Denn dass Hartz IV und das Grundeinkommen im Kontext des durchschnittlichen Lohnniveaus – insbesondere im so genannten Niedriglohnsektor – diskutiert werden müssen, ist meiner Meinung nach zwingend.
 
Daraus ergibt sich nicht nur eine Chance für die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften und der SPD. Es gibt weitere Gründe: Vom Lohnniveau hängt auch ab, wie viel gute Arbeit wir uns in Zukunft gegenseitig abkaufen können. Eine Rückkehr in die Subsistenzwirtschaft halte ich für nicht sinnvoll und wenig attraktiv, und ich bin bekanntermaßen eher ein Fan von „guter Arbeit“ – von Tätigkeiten und Produkten, die uns der Mühe wert sind. Denn die Mühe, die ich mir mit meiner Arbeit und der Qualität eines Produktes gebe, hat einen Wert und ist der Maßstab, an dem sich alle Produkte und ihre Qualität messen lassen müssen. Wir sollten überhaupt nur Dinge kaufen und nutzen, die ihren Produzenten sehr viel Mühe wert waren und die uns selber später auch der Mühe des Gebrauchs und des Erhalts wert sind.

Zurück zum Bürgergeld. Im Moment denke ich: Selbst ein Althaus-Bürgergeld wäre in Verbindung mit Mindestlöhnen angesichts der aktuellen Arbeitsmarktentwicklungen ein großer Fortschritt. Bleibt aber immer noch die ökologische Frage, die am Stellenwert von Konsum hängt und an der Notwendigkeit Alternativen aufzubauen, die ökologisch, sozial und attraktiv sind: Gute Arbeit.

Informationen zum „Solidarischen Bürgergeld“ gibt es hier.

Schlechte Arbeit
Der Millionendeal: Arbeitsplatz für Anpassung

Autor: Dr. Hans-Jürgen Arlt

Das Leitbild der bezahlten Arbeit ist eine moderne Lebenslüge. Tatsächlich geht es nur um erarbeitete Bezahlung, wie das überragende Interesse an der zeitlichen Befristung und am Lohn der Arbeit zeigt. Hochgehalten wie eine Monstranz wird das verzerrte Leitbild von Leuten, die auf Wahlplakate schreiben „Arbeit, Arbeit, Arbeit“, die Bündnisse für Arbeit schließen, betriebliche und politische, die Transparente durch die Gegend tragen, auf welchen Sprüche stehen wie „Keine Arbeit ist so schlimm wie keine“. Es sind Gläubige, gläubige Anhänger der Arbeitsgesellschaft, die arbeiten werden bis zum letzten Job so wie andere spielen bis zum letzten Cent.

Menschen sind, anders als die Lilien auf dem Feld, tätige Wesen, die ihre Lebensbedingungen selbst zu gestalten versuchen. Deshalb betreiben sie Ackerbau und Viehzucht, deshalb singen und tanzen sie, deshalb erfinden sie Maschinen und entwickeln Computer. Menschliche Aktivitäten streng nach Arbeit oder Nichtarbeit zu sortieren und die Arbeit primär nach wirtschaftlichen Kriterien zu organisieren, hat nichts Natürliches an sich, beides sind gesellschaftliche Prägungen. Die hohen Priester der Arbeitsgesellschaft verwenden einen zweifachen Deutungstrick. Sie tun so, als lebe unsere Gesellschaft alleine von bezahlter Arbeit, und blenden dabei den – gemessen an Arbeitsstunden größeren – Teil unbezahlter (Frauen-) Arbeit aus. Zudem setzen sie die Notwendigkeit und das Bedürfnis aktiv zu sein mit Erwerbstätigkeit gleich und stellen so jeden, der nicht ‚arbeitet ‘, unter den Generalverdacht der Faulheit. Das hat eine Geschichte.

Wer nicht isst, kann nicht arbeiten. Umgekehrt haben feudale Herrschaften über viele Jahrhunderte hinweg bewiesen, dass man sehr gut essen kann ohne zu arbeiten. Genau dagegen ist die Industriegesellschaft angetreten. Schon die Bezeichnung Industriegesellschaft – vom lateinischen industria, der Fleiß – war ein Kampfbegriff gegen den faulen Adel, gegen das ständische Vorrecht auf Konsum ohne Arbeit. Das aufsteigende Bürgertum hat das Arbeiten, das vorher als asozial galt, das Sklaven, Leibeigenen, Knechten und Mägden aufgebürdet wurde, umgewertet und aufgewertet. Bürgerliche Vordenker wie John Locke und Adam Smith erkoren die Arbeit zum Schöpfer des Eigentums und des Reichtums und brachten sie damit gegen den feudalen Adel in Stellung. „Arbeit macht das Leben süß… der nur hat Bekümmerniß, der die Arbeit haßt“, dichtete 1777 der Wahlberliner Gottlob Wilhelm Burmann.

Die Arbeiterbewegung spielte mit und übernahm später mit den „Helden der Arbeit“ sogar die Führung. Das Gothaer Programm der SAP – heute die Abkürzung für „Systemanalyse und Programmentwicklung“, damals für „Sozialistische Arbeiterpartei“ – feierte 1875 die Arbeit als „Quelle allen Reichtums und aller Kultur“. Die Hymne der Arbeiterbewegung, „Die Internationale“, stimmte aus voller Brust an: „Die Müßiggänger schiebt beiseite! Diese Welt muss unser sein.“ August Bebel, einem der sozialdemokratischen Gründerväter, erschien es ganz natürlich zu erklären, der Sozialismus stimme mit der Bibel darin überein, wer nicht arbeite, solle nicht essen.
Der Mensch hat, jedenfalls als Mann, einer bezahlten Arbeit nachzugehen, darin sind sich die Klassenfeinde von gestern einig. Die Sozialpartner von heute auch. Der Schaeffler-Huber ist in Österreich eine Wirtschaft am Pfarrberg, in Deutschland eine Seilschaft am Schuldenberg. Was verbindet den IG Metall Vorsitzenden mit Maria-Elisabeth Schaeffler? „Wir glauben“, sagte die Milliardärin, „dass die notwendigen politischen Entscheidungen leichter fallen, wenn Gesellschafter und Gewerkschaft an einem Strang zum Erhalt der Arbeitsplätze des Unternehmensverbundes Schaeffler-Conti ziehen.“ Der Arbeitsplatz als Joker des Arbeitgebers sticht immer, allerdings unter wechselnden Vorzeichen: Werden Arbeitsplätze garantiert, freuen sich Politik und Gewerkschaft, werden Arbeitsplätze eingespart, steigen die Zuversicht der Investoren und der Börsenkurs.

Nicht am Anfang, da war die Proletarisierung, aber später – mit dem Erstarken der Gewerkschaften und des Genossenschaftswesens, mit der Verankerung des Sozialstaates und der politischen Demokratie – wurde die Erwerbsarbeit als Fortschritt erlebt und die Arbeitsgesellschaft ihres Wachstums und Wohlstands wegen gefeiert. Drei vorher nie gekannte gesellschaftliche Strukturmerkmale entwickelten sich zur Selbstverständlichkeit: Erstens bildet die wirtschaftlich organisierte – deswegen produktivitätsorientierte, rationalisierte und technisierte – Arbeit den Ausgangspunkt für die historisch unvergleichliche Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft. Zweitens geht ohne Geld nichts mehr. Je konsequenter und exklusiver das Kriterium der Wirtschaftlichkeit durchschlägt, desto feingliedriger und globaler wird die Arbeitsteilung, desto dominanter das Geld. Von der Schuhsohle bis zum Scheitel, von der gekauften Wiege bis zur bezahlten Bahre sind wir abhängig von anderer Menschen Arbeit, deren Erzeugnisse und Leistungen wir für cash oder auf Kredit erwerben. Wie die Politik im Staat so bekommt die Wirtschaft in der Bank ihr Nervenzentrum. Die Wirkungen eines größeren Störfalls erleben wir gerade. Drittens schließlich wird die individuelle Erwerbstätigkeit, Karriere potentiell inbegriffen, zur Basis der sozialen Existenz, der gesellschaftlichen Anerkennung, sogar der Selbstverwirklichung.

Aus den Widersprüchlichkeiten dieser Anforderungen an die Erwerbsarbeit entstehen Konflikte wie Mücken im Moor. In der Reizfarbe Rot wird über Löhne und Arbeitszeiten, über Leistungen und Lasten des Sozialsystems, über Bildungs- und Aufstiegschancen gestritten; in der Reizfarbe Grün über die Destruktivkraft der Arbeit – keine Herstellung ohne Zerstörung – und über die externalisierten Umweltkosten wirtschaftlich organisierter Tätigkeiten. Tabuisiert bleibt der Knackpunkt, dass die direkte Kopplung von individueller Erwerbsarbeit und sozialer Existenz zur Falle geworden ist.

Wenn ohne Geld nichts geht und Bezahlung für die meisten Menschen strikt an Erwerbsarbeit gebunden ist, dann wird der Arbeitsplatz zur Schlüsselstelle, dann ist sozial, was Arbeit schafft. „Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz“ fehlt in keiner Gewerkschaftsrede. Hängen die Arbeitsplätze von der Wirtschaftlichkeit der Arbeit ab, schnappt die Falle zu, jetzt muss man für und gegen Arbeitsplätze, für gute und für billige Arbeit zugleich sein. Denn bezogen auf das einzelne Unternehmen führt die Abschaffung der einen zur zeitweisen Bestandssicherung der anderen Arbeitsplätze. Und für die Arbeitskräfte wird ‚gute Arbeit‘ zum Risiko, sofern sie teure Arbeit ist. Aus diesen Zwickmühlen entspringt der Doppelcharakter der Gewerkschaft als Sozialpartner und Konfliktgegner, mit dem die Öffentlichkeit bis heute nicht zurecht kommt und die Gewerkschaft selbst auch nicht. Diese Falle verursacht den alltäglichen millionenfachen Deal Arbeitsplatz für Anpassung. Was Frauen und Männer sich zumuten lassen an Rücksichtslosigkeit und Willkür, was sie sich auferlegen an Stillhalten, Wohlverhalten und Abnicken steht in einem direkten Zusammenhang mit der Notwendigkeit, den Arbeitsplatz zu behalten, einen besseren zu finden oder überhaupt einen zu bekommen. Diese Falle ist verantwortlich für das Gefühl, man könnte nur (über)leben, solange man nicht so lebt, wie man leben möchte.

Kapitalverwerter und Arbeitskraftbeschützer sind gefangen in den Wiederholungszwängen ihres bald zweihundertjährigen Verstriktseins. Dem Entscheidungskriterium der einen, „mehr Geld“, setzten die anderen „mehr Arbeit“ entgegen – jener Wahnsinn provoziert diesen Unsinn. Beiden entgeht der Auflösungsprozess der Arbeitsgesellschaft, der im Scheitern des – als Beschäftigungsgesellschaft organisierten – Sozialismus einen Meilenstein gesetzt hat. Zu den aktuellen Indizien dieses Auflösungsprozesses gehören sowohl das Ausmaß an Verwahrlosung, sozialer Not und Unsicherheit, verursacht durch den Mangel an Erwerbsarbeit und deren teilweise Entwertung; als auch die Gesundheitsrisiken und Umweltgefahren der Erwerbsarbeit selbst und vieler Produkte, die sie hervorbringt. Das alles erscheint als das kleinere Übel, solange soziale Existenz und Erwerbstätigkeit individuell gekoppelt bleiben.

Ein garantiertes Grundeinkommen könnte aus dieser Zwangslage befreien. Die Idee ist, die Bezahlung von der individuellen Arbeit – nicht von der gesellschaftlichen, das Geld muss ja irgendwo her kommen – so weit zu trennen, dass ein Auskommen auch ohne Erwerbstätigkeit garantiert ist. Auf diese Weise würde auch solche Arbeit honoriert, welche wie die Hausarbeit heute von der Bezahlung abgetrennt ist. Das Grundeinkommen würde es den Einzelnen leichter machen, das Wichtige und das Richtige zu tun (und sich die Zeit zu nehmen darüber zu streiten) – nicht mehr wie heute das Bezahlte oder wie gestern das herrschaftlich Bestimmte. Veränderung müsste nicht mehr als blindes Wachstum, sie könnte als qualitative Entwicklung angelegt sein.

Herr Hättich und Frau Wolltich bekämen eine Chance – nicht länger im Konjunktiv, sondern tatsächlich: Niemand hätte mehr das Alibi, nur des Geldes wegen das Falsche zu tun. Aus der Perspektive der Arbeitsgesellschaft endet das alles ‚natürlich’ im Nichtstun, weil sie sich Tätigkeit nur als Erwerbstätigkeit vorstellen kann. Die Alternativen, die aus einer bestimmten Position denkbar sind – vor allem die undenkbaren – verraten viel über die Begrenztheit dieser Position. Das trifft gewiss auch auf die Parteinahme für ein garantiertes Grundeinkommen zu. Es ist keine Heilsbotschaft, es birgt Risiken, seine politische Akzeptanz und seine Umsetzung machen eine Menge Arbeit. Aber, fragt der Schweizer Schriftsteller Kurt Marti, „wo kämen wir hin, wenn alle sagten: ‚wo kämen wir hin?’ und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.“

Dr. Hans-Jürgen Arlt lebt als Publizist und Kommunikationswissenschaftler in Berlin. Vorher war er zehn Jahre lang Kommunikationschef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).
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