PERSPEKTIVEN 27.09.11

Kulturabend zum Grundeinkommen - ein Bericht
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Einer der Hauptprogrammpunkte der diesjährigen Woche des Grundeinkommens in Hamburg war der Kulturabend am 24. September. Etwa 40 bis 50 Leute hatten ihren Weg in das Kulturhaus St. Georg gefunden. Das Programm bestand aus zwei Vorträgen und anschließender Diskussion, und wie sich das gehört, gab es natürlich auch zu Essen und zu Trinken.
Zum Auftakt trug Andreas Geschichten vor, die den Fokus auf Lebenssituationen von Arbeit und Arbeitslosigkeit richteten. Szenen aus der Agentur für Arbeit, kurz Arbeitsamt. Dort, wo der Fallmanager den Fall organisiert. Was dabei in beiden vorgeht, was das auf all die sonstigen Bereiche außerhalb des Zimmers, in dem es sich abspielt, für eine Wirkung hat, und vieles, was man sonst noch nie gehört hat, trat plötzlich in den Raum. Viel Ungehörtes war auch für den dabei, der sich schon länger für dieses Thema interessierte.
Der letzte seiner Vorträge war jedoch kein Blick auf die traurigen Zustände, sondern eine Projektion. Der bisherige Fallmanager Herr Glücklich schreibt auf, was ihn schon lange bewegt. Anlass ist das Ende seiner Beschäftigung. Das besondere dabei: Schon seit einiger Zeit gibt es ein bedingungsloses Grundeinkommen. So kann Herr Glücklich nicht nur angstfrei alles denken, sondern auch schreiben. Endlich befreit von dem Nummerndasein in einer Großorganisation. Endlich kann er seine Individualität entwickeln und zur Geltung bringen. Das Ende der Beschäftigung wirkt wie eine Befreiung. Viele längst vergessene Aspekte des Lebens bekommen eine ganz neue Bedeutung: Sinnerfülltes Leben, Freude, ja das Denken überhaupt, und Gefühle, was war das denn? Nun sind es nicht nur Ansprüche, sie können neu entdeckt, ja sogar gelebt werden. Wo nur ist der Mut geblieben diese unwürdige Situation endlich zu verlassen? Aufrechter Gang war eine der herüberscheinenden Visionen. Die hatte man jedoch in die Psychiatrie verwiesen. All das schreibt Herr Glücklich in seiner Mail seinem Vorgesetzten. Doch der verweist in seiner Antwort einsilbig auf die Internetseite www.lebenskuenstler.de, was wir alle angeblich noch zu lernen haben, angesichts der neuen Zustände.
Den zweite Vortrag hielt Bettina. Als Schauspielerin und Autorin machte sie drastisch deutlich, wie es nicht nur um die Kunst, sondern auch um die Künstler selbst bestellt ist. Für einen Wettbewerb hat sie ein Theaterstück geschrieben, in dem Szenen Lebenswirklichkeiten auf die Bühne bringen, die öffentlich viel zu wenig wahrgenommen werden. Ihr Vortrag war recht umfangreich, obwohl sie nur Auszüge aus diesem Theaterstück vortrug. Der Tenor lag durchweg auf der Diskrepanz zwischen der prekären Situation der Betroffenen von Arbeitslosigkeit und dem Bild, das darüber in den Medien vermittelt wird und dort so verheerend wirkt. Der gesamte Jammer abhängiger Beschäftigung wurde vorgeführt bis zur Selbstverleugnung. Theater eben. Allerdings nur bis es einen selbst erwischt hat.
Besonders beeindruckend war die Zitatensammlung. Wäre nicht zu jedem der Urheber und die entsprechende Jahreszahl vermerkt, hätte man bestimmt große Schwierigkeiten zu bestimmen, ob sie der makelhaften deutschen Vergangenheit oder unserer erinnerungsschwachen, neuen Zeit nun zuzuordnen sind. Auch wirkte ihr Vortrag unterstützt durch entsprechende Gesten und Verhaltensweisen, von einer gelernten Schauspielerin eben, besonders eindringlich und bildhaft. Insgesamt war der Vortrag so reichhaltig, das man wünschte ihn nochmal nachlesen zu können. Vielleicht ist dies ja irgendwie machbar.
Am Anfang der Veranstaltung bekam jeder der Besucher eine Karte mit einem oder mehreren Zitaten bekannter öffentlicher Personen. Die nun wurden von ihnen vor der Diskussion vorgelesen. Durch den beeindruckenden Vortrag von Bettina kam nun die Diskussion schnell auf die Doppelbödigkeit zu sprechen. Denn wer von seiner Arbeitslosigkeit spricht, wird doppelt bestraft. Nicht nur leidet er unter diesem realen Armutszustand, sondern auch unter der Achtung und Ignoranz seiner Mitmenschen. Als Schauspielerin machte Bettina klar die Ansage: Wer offen mit seiner Arbeitslosigkeit umgeht, bekommt erst recht keinen Job mehr. Das aber ist langfristig kaum durchzuhalten und rächt sich zudem psychisch. Statt der üblichen Heuchelei hat sie sich für einen offenen Umgang mit ihrer Situation entschlossen. Freilich natürlich auch mit den damit verbundenen Einschränkungen, die nun nicht mehr irgendwie überspielt, sondern offen dargelegt werden. Dazu gab es noch viele Beiträge anderer Besucher, die ähnliches erlebt haben, und diesen Druck zum Doppelleben ebenso verspürten.
Ein weiteres Thema war, wie die weit verbreitete Angst, aus der all diese Verhaltensweisen kommen, überhaupt entsteht und welche Wirkungen sie hat. Auch die Mitarbeiter der Agenturen für Arbeit sind ja davon betroffen. Dem nachzugehen war ein programmatischer Vorschlag.
Angesprochen auf eine Aktion in Berlin, berichtete jemand über die Herkunft und Entstehung dieser Aktion. In einem Arbeitsamt in Frankreich haben die Mitarbeiter ein Aufruf verfasst, in dem sie darlegen, statt der von der Führung geforderten Sanktionen tatsächlich beratend und unterstützend tätig sein wollen. Der übersetzte Aufruf wurde nun in Berlin zusammen mit jeweils einer Rose an die Mitarbeiter eines der großen Arbeitsämter zum Dienstantritt verteilt. Es war eine spektakuläre Aktion. Sogar die Chefin der Mitarbeiter lies sich auf einen Diskussion mit den Aktiven ein. In der Presse wurde dies jedoch kaum wahrgenommen.
Zum Ende des offiziellen Teils wurde unter Begleitung der herumgereichten Sammelbüchse das Anliegen des Netzwerks Grundeinkommen vorgetragen. Auch konnte man sich in eine Liste zur Benachrichtigung per E-Mail eintragen. Demonstrativ konnte jeder nun am Schluss mit einem sehr langen Löffel aus einem Topf mit Süßigkeiten jeden anderen seiner Wahl beglücken. Nur sich selbst konnte er natürlich mit diesem überlangen Löffel aus Holz nicht erreichen. Und so blieb jeder wie beim bedingungslosen Grundeinkommen auf den anderen angewiesen. Der Zweck der Übung.
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