IMPULSE 24.06.11

Pilot Tollense Lebenspark
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Ein Pilot aber 40 fliegen, oder: Utopien und wie sie Wirklichkeit werden.
Am ersten Juli ist es so weit: ein wissenschaftlich und in der globalen Grundeinkommensszene viel beachtetes Pilotprojekt wird flügge - gewissermaßen vor unserer Haustür. Meine ersten Eindrücke bei der Begegnung mit diesem Projekt in einer Veranstaltung der Zukunftswerkstatt, einem sehr engagierten Arbeitskreis des Hamburger Netzwerks, möchte ich hier wie folgt schildern:
Die Tür ist schon zu. St. Georg. Kein akademisches Viertel. Noch geht sie auf die Tür. Auch für Nachzügler wie mich. Ohne es zu bemerken, ist man ein Schritt weiter. Mitten im Raum. Gefühlte fünf Dutzend Interessierte teilen sich mit einem Beamer den kleinen Seminarraum im Kulturladen. Christoph Wallner empfängt uns Hinzukömmlinge weit über das akademische Viertel hinaus mit Güte und einem Grinsen, ein paar heiteren Worten. Selbige geleiten uns mit tatkräftiger Unterstützung von Steffi Burk und Ihren digitalen Präsentationsfolien durch Grundwerte, Konzepte, Zahlen, Pläne, Visionen und offene Fragestellungen des Lebensparks. Über Jahre (Start: Frühjahr 2006 - mit 8 Initiatoren) haben die Mutigen aus vielen Ideen ein Pilotprojekt gebastelt. Inspirierend! Der Aufbau scheint Logisch, praktisch, risikofreudig. Ein Wagniss.
Sicher: es gibt mittlerweile viele schöne Lebensgemeinschaften (siehe u.a. http://www.eurotopia.de/), aber die Vereinigung am Tollensesee ist explizit auch als Grundeinkommenspilot konzipiert. In zwei Jahren werden wir, dank dieser kühnen Wegbereiter, über wissenschaftliche Daten verfügen, die nicht in einem Land erhoben wurden, wo die Not real die Existenz, das Überleben vieler bedroht und sich so als (negative) Motivation auf die Effekte und Erwartungen an ein Grundeinkommen auswirkt. Trotz der sozialen Missstände in Deutschland wie Hartz4, ist die Situation nicht zu vergleichen mit kleinen Dörfern in Brasilien und Namibia, wo es nicht vornehmlich um den massiven psychologischen Druck durch die Gesellschaft und ihre Normen und blinden Werte geht, sondern um 10 Euro gegen das körperliche Verhungern. Nicht, dass hier alle satt einschliefen...
Im Gesamtkonzept vom Tollense Lebenspark ist eine Variante des Grundeinkommens eingeflossen, dass zu dem sogenannten "solidarischen Bürgergeld" , so scheint mir, Ähnlichkeiten aufweist, welches nach seiner Überarbeitung auf breite Akzeptanz - auch der Grundeinkommensskeptiker trifft. In einem historisch durch christliche Werte geprägten Land, wie Deutschland, sind neben gesicherter Finanzierung und die Umsetzbarkeit innerhalb eines Jahres, die sozialen Komponenten wichtigere Argumente für die Breite Bevölkerung als liberale. Diese Einkommensfinanzierten, auf Subsidiarität aufbauenden Modelle befriedigen zwar einerseits nicht meine Vorstellung vom Grundeinkommen in Gänze, könnten aber andererseits ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum gewünschten Paradigmenwechsel sein, der mit all dem einhergeht, was die meisten mir bekannten Grundeinkommensbefürworter die Idee so lieben lässt. Es geht eben nicht um möglichst viel Geld von "Vater Staat". Ich will gar nicht, dass der Staat mein Vater ist.
Als Souveräne wollen wir "Mutter Natur" gerne schützen. Aber adoptieren und bevormunden lassen, von einer künstlichen Instanz Namens Staat? Es geht um Gemeinschaft, Vernetzung, Verantwortung, Dezentralisierung, bedingungslose Daseinsberechtigung, Mündigkeit, Entfaltung, um Unabhängigkeit - auch von der Erwerbstätigkeit und diesem (noch) unsolidarischen Wirtschafts- und Wertesystem, um das Bewusstsein für ein neues Menschen- oder vielleicht sogar eher Weltbild.
Grundeinkommen und Komplementärwährungen sind eben auch nur ein Bestandteil einer sich entwickelnden, komplementären (nicht parallelen!) Gesellschaft.
Eine interdisziplinäre Utopie, bereit, in die Wirklichkeit getragen zu werden. Und diese Ganzheitlichkeit "ereilt" nicht nur eine wissenschaftliche Disziplin nach der Anderen. Es gewinnt auch ständig an Bedeutung in der Grundeinkommensbewegung: Was gehört noch zu dem erwähnten Paradigmenwechsel neben der Einführung des BGE? Einiges im Hamburger Netzwerk Grundeinkommen hat ihre Katharsis, ihre Synthese angefangen, ist dabei oder hat diese bereits abgeschlossen. Es braucht uns, um sich weiter zu entwickeln.
Wie ich gar nicht mehr den Abend und den Ablauf beschreibe, nicht wahr? Ein zauberhafter Abend. Ich werde mir das jedenfalls genauer ansehen. Wochenendausflug nach Alt Rehse im Herzen der Seenplatte. Wenn teilnehmen und unterstützen doch immer so einfach wäre...
Ich liebe Hamburg und das BGE-Netzwerk hier. WENN Hamburg mich verliert, dann wohl an den Tollense Lebenspark, oder an eines dem Beispiel folgenden Projekt.
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