Filmfestspiele versus Suppenküchen
JOURNAL • März 2010
Von Erika Reglin
Was ist gesellschaftliche Teilhabe?
Im Zusammenhang mit der Hartz IV Debatte und dem durch das Bundesverfassungsgericht festgestellten Umstand, dass die Regelsätze nicht verfassungskonform sind, darf man davon ausgehen, dass die Richter in etwa eine Ahnung von diesem Begriff hatten. Das erfordert eine abstrakte Denkfähigkeit. Danke, liebe Richter.
Bei dem Beschluss, wie viel Geld jemand erhalten soll, der es nicht selbst erwirtschaftet, ging man davon aus, dass dieser jemand wohnen, essen und sich ein paar Biere leisten können soll. Würde dieser jemand in den Slums von Brasilien leben, hätte man ihn damit wohl zu einem Privilegierten gemacht. Doch wir sind in Deutschland. In einem Land, bei dem dem Arbeitslosen an jeder Ecke die Dinge begegnen, die er sich nicht leisten – an denen er nicht teilhaben – kann.
Im Fernsehen die Oscars, draußen die Littfasssäulen mit bunten Bildern von Premierenaufführungen, schicke Restaurants, auf deren Tischen frische Blumen stehen und duftendes Essen serviert wird, auf den Straßen viele neue Autos, in den Supermärkten täglich frisches Obst und Gemüse, beim Schlachter feinstes Lammkarree, in den Boutiquen die neuesten Modetrends, Schuhe aus Italien, in den Regalen Transformer-Spielfiguren, die so viel kosten, wie ein ganzer Einkauf bei Lidl, in den Bioläden genfreies Food und umweltverträglich geernteter Kaffee. (more…)
Videopodcast von Alice: “Was würdest du arbeiten, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre?”
Welcome the future!
JOURNAL • März 2010
Von Erika Reglin
Das viel beschworene Normalarbeitsverhältnis
Es wird sich bald im Museum bestaunen lassen. Von einer modernen Zivilisation, die sich bestätigt, dass die Politik des auslaufenden 20. Jahrhunderts ihrem eigenen Fortschritt hinterherlief.
Das Normalarbeitsverhältnis ist defakto nicht mehr haltbar – es ist heute schon Fiktion. Sowohl in der Ökonomie als auch in einer Gesellschaft, die sich derartig drastisch gewandelt hat und deren Bedürfnisse – aufgrund eines sich verändernden Arbeitsmarktes – komplett andere sind als noch in den 70er oder 80er Jahren. Das institutionelle Gefüge der Regulierung des Erwerbssystems – also das heutigen Sozial- und Steuersystem – versucht Normalarbeitsverhältnisse mit heißblütigen öffentlichen Debatten zu konstruieren, während doch bereits längst klar ist: Dies ist keine Normalität mehr, sondern das nicht Loslassenwollen einer Vergangenheit.
Warum sollen wir zu einem solchen Normalarbeitsverhältnis also zurückkehren wollen sollen, wie es in der Bundespolitik so vehement vertreten wird? Der einzige Schluss, den man jetzt noch zulassen kann, ist: das Parlament scheint eine visionsresistente Stätte zu sein. Die Bundespolitiker fürchten um ihre Daseins-Berechtigung. Es ist irritierend.
Die Missstände sind längst aufgedeckt, analysiert, dokumentiert und mit zahlreichen guten Vorschlägen für einen zukünftigen Arbeitsmarkt versehen. Einer davon ist das bedingungslose Grundeinkommen. Das alles ist in den letzten Dekaden gewachsen, erstarkt und bricht sich nun Bahn im Willen des Volkes. (more…)
Brasilianer im Morgenland – ein persönlicher Bericht
NETZWERK
Von Iris Schöning
W
ir waren 30-40 Neugierige am 21. Februar, einem eisigen und glatten Sonntagmittag in der Galerie Morgenland, dem Sitz der Geschichtswerkstatt Eimsbüttel (wie passend!), einer kleinen ehemaligen Ladenwohnung im Erdgeschoss (Sillemstr., Ecke Sartoriusstr.). Sie war gut gefüllt; die Zuhörerschaft pünktlich und die Bestuhlung reichte so eben aus. Die ReferentInnen, das sympathische brasilianische Pärchen, Bruna A. Pereira (27 J., Biologin) und Marcus V. Brancaglione dos Santos (32 J., Philosoph) von der NGO ”ReCivitas” (Ziel: Wiederbelebung der Bürgergesellschaft) stellten ihr erfolgreiches, heimatliches Projekt zum bedingungslosen Grundeinkommen (BIC = Basic Income of Citizenship) vor.
Der Beamer-Vortrag war auf 20 Minuten bemessen, hatte aber eine Echtzeit von zwei Stunden, da viele Fragen kamen, die sich, ohne störend zu wirken, immer direkt stellen ließen und auch ebenso beantwortet wurden. Sehr kurzfristig hatte eine ehrenamtliche Übersetzung aus dem Portugiesischen organisiert werden können. Die an die Wand gebeamte Vortrags-Grundlage war englisch. So lief letztlich die gesamte Veranstaltung dreisprachig ab, was zusätzliche Lebendigkeit brachte.
Der Clou: Brasilien hat das Recht auf ein Grundeinkommen bereits in seiner Verfassung verankert, aber bislang handelt es sich dabei nur um ein an Bedingungen geknüpftes Bürgergeld, genannt “Bolsa Familia”, von dessen Existenz kaum jemand weiß. Wie kamen nun Bruna, Marcus und ihre ca. 12 NGO-Kollegen auf die Idee, als Alternative zum Bolsa Familia den Versuch zu wagen, in dem kleinen Dorf Quantiga Velho, ca. 30 km von São Paolo entfernt, einfach selber das BIC einzuführen?









